Arbeitszeit erfassen: Was bedeutet uns Kontrolle?

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Krank im Urlaub
Krank im Urlaub

Es war im Jahr 1966, als der amerikanische Psychologe Julian B. Rotter seine Kontrolltheorie öffentlich vorstellte und damit den Vater der positiven Psychologie Martin Seligmann auf dessen Weg zur positiven Psychologie inspirierte. Rotter betrat Neuland, zuvor hatte sich niemand in seinem Fach  mit Kontrolle so befasst wie er. Sein Ziel: Die Erstellung einer Kontroll-Skala, deren positives Extrem für selbstgesteuerte Leistungsmotivation steht und deren negatives Extrem maximale Fremdsteuerung anzeigt. Der Amerikaner wies nach, dass Menschen höchst verschieden mit Eigenmotivation und Fremdsteuerung umgehen. Folglich wirkt es auf hochmotivierte Menschen befremdlich, wenn ihnen soziale Steuerungsmechanismen auferlegt werden. Sie fühlen sich gestört; werden ihre Handlungen und Erfolge von Mitmenschen doch als Ergebnis sozialer Steuerung aufgefasst. Diese akzeptieren sie nur dann als wertvolles Angebot, wenn ihnen Steuerungsinstrumente zur Unterstützung ihrer eigenen Leistungsbeobachtung an die Hand gegeben werden. Menschen mit Fokus auf externe Kontrolle wiederum nehmen diese als Chance wahr, sozial anerkannt Leistungen zu erbringen, die den Anforderungen des Arbeitgebers genau entsprechen.  

„Die auf den ersten Blick
überraschende Lösung lautet:
Zurück zur Zeiterfassung.“

 

Für die Arbeitszeiterfassung ist dieser kleine Exkurs in die Psychologie lohnend. Er holt Debatten um Kontrollsysteme, Vertrauen und Misstrauen von politischem Terrain zurück ins personale: Wie erleben Menschen Kontrolle? Und welche Lust oder Unlust bereitet ihnen diese? Unternehmen suchen laufend nach Konzepten, um alle Präferenzen von Mitarbeitern zu berücksichtigen.

Die auf den ersten Blick überraschende Lösung lautet: Zurück zur Zeiterfassung. Sie entspricht allen Bedürfnissen: Mitarbeiter mit hohem Arbeitsethos können die Daten einsetzen, um die eigene Arbeit optimal zu steuern. Mitarbeiter mit Fokus auf gewissenhafter Entsprechung von Arbeitszeitvorschrift und Leistung können im sozial akzeptierten Rahmen ihren Beitrag nachweisen. Erfasste Arbeitszeit stärkt das Selbstvertrauen, schafft ein Bewusstsein für Arbeitsvolumen und bildet eine gemeinsame Diskussionsgrundlage. Das Vertrauen in fremde und eigene Leistungen ist begründet und damit indiskutabel.

Was aber passiert, wenn Vertrauen in die Arbeitszeitgestaltung von Mitarbeitern eben nicht begründet wird? Es stellt sich auf ganzer Linie und durch alle Reihen der Beschäftigten ein systematisches Misstrauen ein:

BIG BROTHER IS WATCHING YOU.
Vorgesetzte observieren Mitarbeiter je nach eigener Kontrollpräferenz – intrinsisch Motivierte verdächtigen extrinsisch motivierte Personen, Stunden zu unterschlagen oder nicht bereit zu sein, Überstunden zu machen. Diese Aufmerksamkeit lenkt sie von anderen Arbeitsprozessen ab. In diesem Setting sollte niemand mit einer Zeiterfassung nach Gefühl operieren oder argumentieren.

DEM MITARBEITER IN DIE TASCHE GEGRIFFEN?
Mitarbeiter verdächtigen Unternehmen, ihnen die rechtlich geregelte Entgeltung von Überstunden zu unterschlagen. In Zielvereinbarungsgesprächen können Vorgesetzte im Falle von Differenzen zum Kniff greifen, ihnen zu wenig Einsatz vorzuwerfen. Im Streitfall steht Meinung gegen Meinung. Und Fakten sind nicht greifbar, was die Konfrontation verhärtet.

KRANK ZUR ARBEIT. AN WEM LIEGT´S?
Unternehmen können nicht feststellen, ob Mitarbeiter aus dem Rahmen gesundheitsfördernder Arbeit herausfallen. Auch für staatliche Instanzen bleibt unüberprüfbar, ob Arbeitgeber sich in punkto Mitarbeitergesundheit ans Arbeitsrecht halten. Viele Burnout-Fälle erschienen zuvor nicht am Radar der Unternehmen. Folglich konnte niemand gegensteuern.  

DIE WURZEL DER DEBATTE
Man muss es deutlich sagen: Darüber, in welcher Zeit welche Leistung mit welchem Ergebnis erzielt wird, werden Arbeitgeber und Beschäftigte immer verhandeln müssen. Konfliktscheue in diesem Punkt ruft die Vertrauensarbeitszeit auf den Plan. Ergo werden Stunden nicht erfasst, und das führt durch die Hintertür zu den Spannungen, die man zu umrunden hoffte.

DEN AUTOR ERLEBEN:

Sie wollen Ivo Muri persönlich erleben? Auf der PERSONAL SWISS
(Messe Zürich – 9./10. April 2013) spricht er auf der Podiumsveranstaltung
über Misstrauensarbeitszeit (10.04.2013 / 15:15 Uhr)

http://personal-swiss.com/content/programm/podiumsveranstaltung_misstrauensarbeitszeit/programm/index_ger.html



Fotocredit: sewa golubkow / www.pixelio.de

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