Vom Ausbildungsplatz zur Fachkraft: Worauf es im Ausbildungsalltag ankommt

Der Vertrag ist unterschrieben, der Ausbildungsplatz besetzt. Für viele Unternehmen beginnt damit der Teil, der in Recruitingkampagnen kaum sichtbar wird: Auszubildende müssen Aufgaben kennenlernen, Verantwortung übernehmen, Rückmeldungen erhalten und ihren Platz im Betrieb finden. Wie unterschiedlich diese Phase erlebt wird, zeigt der Ausbildungsreport 2026 der DGB-Jugend. Zwar bewerten 65,7 Prozent der Befragten ihre Ausbildung positiv. Dennoch geben 50,6 Prozent an, psychische Belastungen zu erleben, und 16,3 Prozent müssen häufig oder immer Tätigkeiten übernehmen, die nicht Bestandteil ihrer Ausbildung sind und nicht dem Lernerfolg dienen.

Auch bei der beruflichen Perspektive zeigt sich eine Lücke: 37,1 Prozent der Auszubildenden im letzten Ausbildungsjahr wissen kurz vor dem Abschluss noch nicht, ob ihr Betrieb sie übernimmt. Die Ergebnisse zeigen, wo Ausbildungsbetriebe genauer hinsehen sollten: bei den Aufgaben, der fachlichen und persönlichen Begleitung, dem Umgang mit Belastungen und der Kommunikation über eine mögliche Übernahme.

Ausbildung darf nicht nebenbei stattfinden

In der Praxis übernehmen Beschäftigte häufig zusätzlich zu ihrem Tagesgeschäft Ausbildungsaufgaben. Sabine Furtwängler, Co-Founderin von Talent2Go, beobachtet, dass dadurch Zeit für persönliche Begleitung verloren geht: „Bei der Betreuung erlebe ich immer wieder, dass einfach viel zu viel Zeit in administrative Aufgaben fließt. Für echten Beziehungsaufbau bleibt dann leider oft kaum etwas übrig.“ Gerade diese Beziehungsarbeit braucht jedoch verlässliche Zeit und darf nicht allein vom persönlichen Engagement einzelner Ausbildender abhängen.

Barbara Kreis-Engelhardt, Vizepräsidentin des Bundesverbandes Deutscher Berufsausbilder und Professorin für Führungs- und Organisationspsychologie an der HfWU Nürtingen-Geislingen, beschreibt das als Organisationsproblem. Ausbildende würden häufig neben dem Tagesgeschäft ausbilden. Sie plädiert deshalb für „verbindlich eingeplante Ausbildungszeit statt Ausbildung ‚nebenbei‘“ und für Rückendeckung durch die Führung, auch wenn das kurzfristig Produktivität kostet.

Damit Betreuung und Lernbegleitung nicht vom Wissen einzelner Personen abhängen, sollten Informationen und Lernstände zentral zugänglich sein. „Dafür muss Ausbildung weg vom reinen Bauchgefühl und vom Wissen in einzelnen Köpfen“, betont Furtwängler. „Ziel sollte sein, dass Ausbildung zum gleichen Ergebnis führt, egal wer gerade ausbildet.“

Mitarbeit allein bedeutet noch keinen Lernfortschritt

Ob aus der Mitarbeit tatsächlich Lernen wird, hängt davon ab, ob die Aufgaben zum aktuellen Lernstand der Auszubildenden passen und schrittweise mehr Verantwortung ermöglichen. Sabine Furtwängler sieht hier oft eine Lücke: „Lernbegleitung findet in vielen Betrieben ehrlich gesagt kaum statt. Sie wird oft der Berufsschule überlassen, was formal ja auch passt.“ Gerade der Ausbildungsbetrieb könne bei Verständnisproblemen oder Prüfungsangst jedoch einen Unterschied machen.

Kreis-Engelhardt empfiehlt, genauer auf das Verhalten von Auszubildenden zu achten, denn eine unpassende Begleitung zeige sich oft indirekt: Auszubildende warten nur noch auf Anweisungen, schieben Aufgaben auf oder ziehen sich zurück. Kompetenzraster, in denen Auszubildende und Ausbildende unabhängig voneinander ihren Lernstand einschätzen, können Hinweise auf Unterstützungsbedarf geben. Eine einfache Frage kann laut Kreis-Engelhardt dabei helfen, den nächsten Entwicklungsschritt zu klären: „Was traust du dir ab morgen allein zu, und wobei möchtest du noch jemanden an deiner Seite?“

Fehler müssen ansprechbar sein

Lernen setzt voraus, dass Menschen Fragen stellen und Unsicherheiten äußern können. Für Auszubildende ist das nicht selbstverständlich. Sie befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, werden beurteilt und wissen häufig nicht, wie sich Fehler oder Kritik auf eine spätere Übernahme auswirken.

Entscheidend sei, wie Ausbildende auf Fragen, Unsicherheiten und Fehler reagierten, so Kreis-Engelhardt. Widersprüchliche Signale, etwa genervte Reaktionen in hektischen Situationen, würden von Auszubildenden sehr genau wahrgenommen. Deshalb sollten Ausbildende Fehler ausdrücklich als Teil des Lernens benennen. Offene Fragen wie „Was war diese Woche schwieriger als gedacht?“ seien hilfreicher als ein allgemeines „Gibt es Probleme?“. Anschließend könne gemeinsam geklärt werden: „Was ist passiert, was hat es begünstigt, was ändern wir?“

Persönliche Begleitung bleibt menschliche Arbeit

Digitale Werkzeuge können Ausbildungspläne verwalten, Lernstände dokumentieren oder an Gespräche erinnern. Auch beim Erstellen von Lernaufgaben und Gesprächsleitfäden kann KI nach Einschätzung von Kreis-Engelhardt assistieren. Die Beziehung zwischen Ausbildenden und Auszubildenden lässt sich jedoch nicht automatisieren. „Technik soll Zeit freimachen, und diese Zeit gehört der Beziehung“, so Kreis-Engelhardt.

Gute Ausbildende seien für Furtwängler „Pate, Mentor oder Buddy“, also vertrauensvolle Ansprechpersonen. Junge Menschen müssten in dieser Phase mit persönlichen Veränderungen, Krisen oder neuen finanziellen und sozialen Verantwortungen umgehen. Die ersten Schritte ins Berufsleben lassen sich deswegen nach ihrer Erfahrung nicht vom übrigen Leben abkoppeln. Für sie gehört auch dieser Teil zu einer guten Begleitung.

Perspektiven brauchen regelmäßige Gespräche

Zur Ausbildung gehört auch die Frage, wie es nach dem Abschluss weitergehen kann. Furtwängler plädiert dafür, über mögliche Perspektiven „so früh wie möglich und regelmäßig“ zu sprechen. „Talentmanagement beginnt für mich am ersten Ausbildungstag und nicht kurz vor der Abschlussprüfung.“ Das bedeutet nicht, frühzeitig eine Übernahme zu versprechen. Unternehmen sollten aber Interessen, Stärken und mögliche Einsatzbereiche besprechen und auch eine Absage rechtzeitig mitteilen.

Dafür braucht es keine langen Sitzungen: Kreis-Engelhardt empfiehlt kurze wöchentliche Check-ins, regelmäßige Lernstandsgespräche sowie Perspektivgespräche zur Halbzeit und etwa ein Jahr vor Ausbildungsende.

Ausbildung ist eine gemeinsame Aufgabe

Nicht jeder Betrieb verfügt über große Ausbildungsteams oder ausreichend Freiräume im Tagesgeschäft. Wo beides fehlt, fällt es schwer, feste Zeitfenster und Vertretungen zu organisieren. Hilfreich sind dann klare Zuständigkeiten, Kooperationen oder externe Unterstützung. Die Form darf variieren, die Verlässlichkeit sollte bleiben.

Besonders deutlich wird das am Ende der Ausbildung. Ob ein Betrieb übernimmt, hängt oft von der wirtschaftlichen Lage, von passenden Stellen und manchmal von unterschiedlichen Vorstellungen ab. Auch ohne Übernahme sollte die Ausbildung den Weg in den nächsten beruflichen Schritt ebnen.

Die Verantwortung dafür liegt nicht allein bei den Ausbildenden. HR muss Prozesse gestalten, Informationen zugänglich machen und darauf achten, dass Ausbildungsqualität an verschiedenen Standorten und in unterschiedlichen Abteilungen nicht vom Zufall abhängt. Ein erster Schritt: Wer ausbildet, sollte prüfen, wie viele Stunden pro Woche für Betreuung tatsächlich eingeplant sind, wer Azubis vertritt, wenn Ausbildende ausfallen, und wann das nächste Perspektivgespräch ansteht. Wo darauf keine klaren Antworten existieren, lohnt sich der Blick auf die Organisation, bevor die nächste Ausbildungsrunde beginnt.

Sabine Furtwängler und Barbara Kreis-Engelhardt vertiefen die im Beitrag angesprochenen Fragen bei der azubiTECH Online Konferenz am 3. und 4. November 2026: Furtwängler spricht über „Die Bindungslüge: Warum eure Ausbilder:innen die bessere KI-Strategie sind“, Kreis-Engelhardt über „Psychologische Sicherheit: Ohne ist alles nichts! Berufliche Bildung auf dem Prüfstand!“.

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