Der Messe-Start:

black framed eyeglasses on top of white printing paper
Foto von Sigmund

Dieser ist natürlich früh morgens – hier kann man die besten Fragen stellen. Nur überrumpelt mich die Frage des Vertreters einer Gehaltsberechnungsagentur am Eingang etwas. „Wie zufrieden sind Sie eigentlich mit Ihrem Einkommen?“ Eine ganz schön direkte Frage in Deutschland... „Könnte immer besser sein.“ Ich ernte ein kurzes, charmantes „Nah dann sollten Sie einmal wechseln“. Wer wechselt denn heute noch so easy? Und wohin? Wo wir doch mitten in der Krise sind, oder davor, oder danach? Nah halt bei dem, was gerade in der Wirtschaft aus schönen Jobs Kurzarbeitertätigkeiten macht. „Und Ihre Mitarbeiter, was verdienen die?“... Zögerliches Zurückrudern von mir „Öh – ich bin eigentlich nur so hier, schau ´mal nach Trends“. „Ach, so!“ ... bewundernde Blicke... „Sie machen sich eigentlich nur einen schönen Tag?“... In Sekundenschnelle läuft ein Heimkino in mir ab... Schöner Tag... Dem geht`s wohl dolle... Was weiß er denn davon, wie eng ein üblicher Tag bei mir ist: Kinderbetreuung sichern, im Büro den Schreibtisch voll Arbeit liegen zu haben, die Fäden mehrerer Projekte gleichzeitig in den Händen zu halten. Rennen, reden, regeln.... Doch plötzlich ist sie da, die Idee für diese Recherche. „Ja, ich mache mir einfach einen schönen Tag und lasse mich von den anwesenden Ständen inspirieren. Wie geht´s Ihnen denn in Ihrer Arbeit, so zwischen dem Fachkräftemangel und der Wirtschaftsflaute?“ Es stellt sich Aufmerksamkeit ein. „Gut, eigentlich sind die Kollegen auch noch ganz entspannt. Man wartet nur auf das, was eigentlich kommen soll, ohne zu wissen, wann es dann anders wird.“ Wir gehen auseinander darin bestätigend, dass man, wenn man immer nur über eine Krise redet, diese schon akzeptiere. Das mache depressiv. Wir wünschen uns lieber einen richtig schönen Tag....

Die Entdeckung:

Jeder, der ab und zu auf Messen geht, weiß, dass es ganz verschiedene Designs von Ständen gibt. Die schicken, smarten, die überladenen, die interaktiven... . In den Taschen sind anschließend immer mehr Unterlagen, als man wirklich lesen und tragen kann. Die qualmenden Füße könnten bequemere Schuhe gebrauchen. Eben auch auf einer Personal 2009. Erstaunlich ist aber, dass eine durchweg interessierte Stimmung in der Luft liegt. Die Menschen scheinen offen für Fragen zu sein. Und für qualifizierte Einschätzungen zur Arbeitsmarktlage. Ich treffe keine Gurus, die sagen: „Hier geht´s lang, nach kurzer Zeit ist alles wieder wie früher.“ Es wird deutlich, dass sich etwas Großes verändert, geradezu transformiert. Dass die üblichen Steuerungsmechanismen der Personalführung und Personalentwicklung auf dem Prüfstand stehen. Also auch nicht mehr leicht zu kopieren und rezeptmäßig anzuwenden sind. Bei manch` einem Buch in den Auslagen frage ich mich „Ist dies von vor einem Jahr oder aktuell?“. Wer sagt heute schon treffend, wo es morgen hin geht? Vielleicht die Firmen, die sich im Augenblick um das Thema des Fachkräftemangels gruppieren – diesen kann man immerhin prognostizieren. Eine Traube Menschen sammelt sich bei einem Vortrag zur Gewinnung zukünftiger Azubi-Eliten. Wir lernen, dass man um diese heute schon kämpfen muss.

Anwesend ist übrigens auch die ARGE mit zwei kompetenten Mitarbeitern. Endlich verstehe ich den Unterschied zwischen ARGE und Arbeitsamt: Zur ARGE kommt man dann, wenn man schon über ein Jahr arbeitslos ist und Hartz 4 bezieht. Also auch viele junge und ältere Menschen, die oftmals aus seelischen und gesundheitlichen Gründen dem harten Arbeitsmarkt schon nicht (mehr) gewachsen sind. Sie kämpfen um ganz andere Dinge im Leben. Die beiden Experten der ARGE wagen sich an eine Einschätzung zur Lage heran – immerhin kennen sie sich mit einigen der großen Ängste der Menschen gut aus, der Sorge vor Arbeitslosigkeit und Existenzverlust. Im Münchner Umfeld, in dem viele Firmen aktiv sind, bekämen Menschen mit guter Ausbildung auch in Zukunft Arbeit. Schwierig werde es aber in den Familien, die heute schon von Arbeitslosigkeit betroffen sind, oft über Generationen hinweg, und am Existenzminimum nagen. Hier brauche es vieles. Passende Jobs natürlich, starke Vorbilder besonders aber die Grundhaltung und Initiative, dass niemand durch´s Netz fallen dürfe. Mitmenschlichkeit und Solidarität könnte man dies auch nennen. Anspruchsvolle Ziele, wie etwa in den Unternehmen, die sich mit dem Thema „Familienfreundlichkeit“ auseinandersetzen. Eines der aktuellen Trends im gesamten Personalgeschehen. Dahinter verbirgt sich natürlich die alte Frage von Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf: Wie sichern wir gleichzeitig die Gründung von Familien ab, die mehr als 1,37 Kinder haben – sollten? (= Wie macht man ganze Kinder mehrfach...?) Wie finden wir heute schon die Gestalter für unsere Unternehmen von morgen? Wie regeln wir die Anwesenheit unserer Mitarbeiter mit pflegebefüftigen Eltern.

Wunderbar! Gehen Sie einmal auf einer Personalmesse mit den ausstellenden Personen als Mitarbeiter von Organisationen ins Gespräch – und Sie merken, wie dicht die Fragestellungen der Gesellschaft an der Arbeitswelt der Menschen dran sind. Und wie unterschiedlich die Reaktion der Beteiligten sind: Manch einer stellt vorsorglich schon einmal sein Profil ins Netz, gut an wesentlichen Schlagwörtern orientiert. Die Anbieter hierzu wachsen. Der nächste sucht lieber eine Personalagentur auf: Die Empfehlungen unterscheiden sich, von “Bleiben Sie an Ihrer bisherigen Stelle und sichern diese, gerade auch mit Familie.“. Andere vertreten die Haltung „Das, was vor der Krise schon nicht passend war, wird danach auch nicht besser“. Es ist halt wie mit Curry - einer Gewürzmischung ganz bunter Zutaten - messefrisch von der Firma mobiTED an einem der vertretenen Stände hergestellt. Eigentlich ist man auf die Befragung großer Gruppen wie etwa bei dem Spiel „Wer wird Millionär“ spezialisiert: Da, wo hundert Menschen unterwegs sind – gibt´s halt auch tausend Wege. Dies zwingt zur Richtungswahl. Karten kann man lesen, aber Wege muß man selber gehen, um sie zu kennen. Hier stehen immer wieder neue Entscheidungen an. Auch um den Preis des Verzichtes – gerade auf wenig hilfreiche Alternativen.

Mein Fazit:

Im letzten Moment liegt es in der Entscheidung der Menschen, ihre Zukunft jeden Tag neu zu gestalten - dies ist dies beste Form der Personalentwicklung. Ganz in der Ausgangstür treffe ich eine Dame wieder, der ich kürzlich schon einmal auf einer Veranstaltung begegnet bin. Als Führungskraft einer Stelle mit vielen Mitarbeitern und großen Projekten mit Leistungsdruck und wenig Raum für Muße. Sie strahlt mich an – heute. Seit unserer letzten Begegnung habe sie viel verändert, plötzlich sei sie auf ein Buch mit dem Titel „Ich gehe mit leichtem Gepäck“ gestoßen. Die Krise sei immerhin auch eine Chance, mal etwas zu entschleunigen und zu überpüfen. Auf der Messe wäre sie, um sich gute Inspiration zu holen – am Schreibtisch gäbe es solche Anregungen nicht.