“Zeit ist Leben!”

selective focus photography of people sitting on chairs while writing on notebooks
Foto von The Climate Reality Project

Prof. Seiwert: Zeit ist Geld – stimmen Sie zu?
Als der Amerikaner Benjamin Franklin 1748 den Satz „Zeit ist Geld“ prägte, hatten die ewigen Propheten des Zeitdrucks und der Eile endlich ihr hektisches Motto gefunden. Doch für mich ist Zeit weit mehr als nur Geld. Zeit ist das kostbarste Gut, das wir besitzen. Zeit ist unwiederbringlich, unbezahlbar. Zeit ist Leben!

In der Wirtschaft gilt inzwischen die Maxime: Der Schnelle frisst den Langsamen. Kann man sich überhaupt noch erlauben, langsam zu sein?
Die Geschichte der New Economy hat eindrucksvoll gezeigt, dass hektische Parolen wie „Get big fast“ oder „Wer bremst verliert!“ die Unternehmen auf Dauer nicht zum Erfolg, sondern ungebremst in den Abgrund führen. Schneller ist eben nicht immer auch besser: im Gegenteil! Der hektische Wettlauf mit der Zeit wird – so paradox es zunächst auch klingen mag – auf lange Sicht nicht von den Schnellen, sondern von den Gelassenen und Beharrlichen gewonnen.

Auch die heutige Gesellschaft tickt anders: Viele Menschen gehen in ihrem modernen Leben mit Handy, Laptop und Headset auf. Wie kann man sich dem Fortschritt entziehen, ohne zum Außenseiter zu werden?
Natürlich ist es in Zeiten von Handy, E-Mail und Co. wichtig, gut erreichbar zu sein – aber nicht immer und überall. Wir müssen nicht umgehend auf jede Mail reagieren oder rund um die Uhr Anrufe entgegennehmen. Deshalb sollte man sich regelmäßig Zeiten gönnen, in denen man nicht erreichbar ist. Vor allem in der Freizeit gilt: Handy aus – Anrufbeantworter an und einfach nur abschalten und entspannen.

Wie werden sich Arbeitswelt und Gesellschaft weiter entwickeln? Ist eine Gegenbewegung zum „Schneller, Weiter, Höher“ denkbar?
Arbeitswelt und Gesellschaft sind in Sachen Geschwindigkeit und Leistung längst am Limit. Menschliche Arbeitskraft kann man eben nicht unendlich beschleunigen oder steigern. Und genau deshalb wird der Ruf nach Langsamkeit und Entschleunigung als Gegenbewegung zum ewigen Schneller, Weiter, Höher immer lauter. Dabei geht es jedoch nicht darum, alles immer nur im Schneckentempo zu tun. Es geht um Balance, um die Fähigkeit schnell zu sein, wenn es nötig ist, und langsam zu sein und zu regenerieren, wann immer es möglich ist.

Sie sind nicht der Mann von der Zeitsparkasse, sondern sie lehren Life-Leadership. Können Sie knapp beschreiben, was das ist?
Zeitmanagement darf nicht allein dazu dienen, die Hetze in unserem Leben noch besser zu organisieren. Zeitmanagement soll uns helfen, den eigenen Rhythmus, das eigene Tempo zu finden. So können wir nicht nur effektiver und effizienter arbeiten, sondern auch glücklicher und zufriedener leben. Deshalb ist Zeitmanagement, wie ich es verstehe immer Life-Leadership – ein Konzept ganzheitlicher Lebensführung, das es uns ermöglicht selbstbestimmt zu leben und nicht nur gelebt zu werden.

Gibt es dafür auch einen treffenden deutschen Ausdruck?
Selbst- und Lebensmanagement oder noch besser: harmonische Lebens(unternehmer)kunst zwischen beruflichen Verpflichtungen und privaten Wünschen.

Ist Zeitmanagement eine Schlüsselqualifikation?
Die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Zeitmanagement vermittelt, sind persönliche Schlüsselqualifikationen, die eine unverzichtbare Abrundung unseres fachlichen Know-hows darstellen. Zeitmanagement hilft uns, unsere Zeit richtig zu nutzen und so mehr Freude an der Arbeit und mehr Zeit für die wesentlichen Dinge in unserem Leben zu gewinnen.

Woran erkennt man diese Fähigkeit?
Menschen, die richtig mit ihrer Zeit umgehen, setzen ganz klare Prioritäten, streichen Überflüssiges konsequent von ihrer To-do-Liste und verlieren auch in hektischen Zeiten nicht den Überblick. Sie wissen: Zeit-Pläne sind nicht zum Abhaken von möglichst vielen erledigten Aufgaben da. Es kommt nicht darauf an, wie viele Dinge man erledigt – was zählt, ist nicht Quantität, sondern Qualität. Denn: Was bringen Hektik und Aktionismus, wenn am Ende nichts als Stress dabei herauskommt?

Achten Sie bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter auf ein gutes Zeitmanagement?
Natürlich ist es mir sehr wichtig, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter richtig mit Ihrer Zeit umgehen können. Denn: Nur wer seine Zeit im Griff hat, kann auch gute Arbeit leisten – und das tun wirklich alle im Seiwert-Team.

Sie selbst waren ja einmal in der Personalabteilung eines Industrieunternehmens beschäftigt. Wie können Personaler Mitarbeiter darin unterstützen, ihre Zeit richtig einzuteilen? Sind flexible Arbeitszeiten der richtige Ansatz?
Flexible Arbeitszeiten sind nicht nur für berufstätige Mütter und Väter eine wirkliche Entlastung. Doch: Auch die besten Arbeitszeitmodelle bringen nichts, wenn die Mitarbeiter nicht sinnvoll mit ihrer Zeit umgehen. Deshalb ist es wichtig, dass die Personalverantwortlichen die Mitarbeiter in Sachen Zeitmanagement ganz gezielt fördern.

Kann jeder Mensch lernen, besser mit seiner Zeit umzugehen?
Natürlich kann jeder lernen, besser mit seiner Zeit umzugehen. Allerdings genügt es nicht, perfekte Zeit-Pläne zu erstellen und To-do-Listen zu erstellen. Man muss das Ganze dann auch konsequent in die Tat umsetzen. Doch: Mit etwas Übung und ein bisschen Disziplin stellen sich schon bald erste Zeit-Erfolge ein.

Interview: Petra Jauch, Pressereferentin spring Messe Management

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