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Foto von Scott Graham
Das Thema Web 2.0 ist nicht mehr ganz neu. Wie viele Unternehmen setzen schon Web-2.0-Technologien bei sich ein?

Verlässliche Studienergebnisse zur Verbreitung des Einsatzes sind mir nicht bekannt. Dazu sind die Entwicklungen doch noch zu neu. Außerdem verwenden viele Mitarbeiter das Web 2.0 eher informell in kleineren Teams und Projekten. Nur selten steuert die Unternehmensleitung diesen Prozess zentral und das ist ein wichtiger Unterschied im Vergleich zu bisherigen technologischen Innovationen. Wer könnte vor diesem Hintergrund verlässlich darüber Auskunft geben, welche Technik einzelne Abteilungen oder Gruppen einsetzten? Ich schätze jedoch, dass mehr als 90 Prozent aller Beschäftigten in deutschen Unternehmen von Web 2.0-Anwendungen am eigenen Arbeitsplatz noch nichts mitbekommen haben.

Viele Unternehmen haben also noch gar nicht versucht, Web-2.0-Technologien einzuführen. Woran könnte das liegen?

Web 2.0 ist eben mehr als die Einführung einer neuer Technologie mit der Aufforderung, sie in den eigenen Prozessen zu nutzen. Web-2.0-Instrumente erfordern häufig eine Veränderung des bisher geübten Verhaltens: Die Interaktion der Mitarbeiter untereinander bekommt dabei eine neue Qualität, aber auch die Kommunikation mit externen Gruppen wie Kunden und Geschäftspartnern verändert sich durch das Web 2.0. Der Trend geht hin zu einer „organischen Veränderung“, die sich nicht von oben verordnen lässt. Die Bezeichnung „Mitmach-Web“ ist hier sehr treffend: Mitmachen lässt sich nicht auf Kommando umsetzen, da es neue Kompetenzen, Kommunikationsstile, Offenheit und Transparenz voraussetzt. Hier stoßen viele Unternehmen auf ein ganz zentrales, nicht zu unterschätzendes Generationenproblem. Außerdem gehören viele Entscheider der älteren Generation an. Sie kennen häufig die Vorteile von Wikis, Blogs und Co. gar nicht.

Inwiefern ist das ein Generationenproblem?

Auf der einen Seite stehen die „Digital Immigrants“, für die aktuelle technische Errungenschaften noch neu und deshalb nicht selbstverständlich sind. Den Umgang mit Web-2.0-Instrumenten müssen sie deshalb noch systematisch erlernen. Meistens sind sie in der Gruppe der über 40-Jährigen zu finden. Auf der anderen Seite haben wir die so genannten „Digital Natives“. Das sind all diejenigen, die sich im Internet und anderen neuen Kommunikationsformen zu Hause fühlen und damit aufgewachsen sind - also eher die Generation der unter 40-Jährigen. Für sie ist der Umgang mit Web 2.0 zumindest im privaten Bereich eine Selbstverständlichkeit. Dass der Altersunterschied dabei eine Rolle spielt, zeigen zahlreiche Untersuchungen: Der über 40-Jährige schreibt und kommentiert etwa Beiträge viel seltener als ein 20-Jähriger. Andererseits punktet der 40-Jährige mit einem Mehr an Kompetenz und an Wissen, von dem andere Mitarbeiter profitieren könnten. Hier sind viele gegenseitige Vorurteile im Spiel, die den Einsatz von Web 2.0 hemmen.

Wie lassen sich die Vorurteile gegenüber dem Web 2.0 abbauen?

An der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur haben wir das didaktische Konzept DIAMOND entwickelt, das das Schreiben und Kommentieren von Beiträgen in Web-2.0-Anwendungen, insbesondere in Wikis, fördern möchte. Unsere Studierenden sind in der Regel zwischen 20 und 40 Jahren alt. Es ist aber auch bei diesen „Digital Natives“ nicht selbstverständlich, dass der aktive Umgang mit Wikis den Studierenden leicht fällt, obwohl sie in einer geschlossenen, nur für die Studiengruppe geöffneten Anwendung arbeiten. Die Angst vor der leeren Seite oder dem Kommentieren, gar Kritisieren von Beiträgen anderer ist verständlich. Wir vermitteln den Studierenden jedoch, dass sie davon profitieren können und die Erfolge bestätigen unsere Arbeit: Am Anfang herrschte große Skepsis bis Ablehnung und am Semesterende eine hohe Akzeptanz bis hin zu Begeisterung. Viele Studierende fordern inzwischen den Einsatz von Wikis im weiteren Verlauf des Studiums bei anderen Kursen von sich aus.

Wie setzen Sie das Konzept konkret um?

Wenn sich die Studierenden für eines der vorgegebenen Seminarthemen entscheiden, müssen sie vorab im Wiki begründen, warum sie die Aufgabe behandeln wollen, und erläutern, wie sie in etwa vorgehen möchten. Um das gleiche Thema können sich aber auch andere bewerben. Das überzeugendere Konzept entscheidet letztendlich, wem ein Thema zugewiesen wird. Nach einer vorgegebenen Bearbeitungszeit muss jeder seinen bisherigen Arbeitsstand im Wiki freigeben, denn jeder soll die Beiträge anderer lesen und kommentieren können. Außerdem ist es ausdrücklich erwünscht, dass die Bearbeiter die Kommentare oder Anmerkungen anderer berücksichtigen und in die eigene Arbeit einbauen. Da wir das Endresultat benoten, erkennen die Studierenden sehr deutlich den Nutzen kollaborativer Arbeit: Vermeintliche Kritik anderer optimiert die eigene Leistung. Außerdem belohnen wir das Kommentieren der Wikieinträge durch Bonuspunkte. Wer also zu wenig kommentiert, kann nicht die beste Note erhalten.

Wie können Unternehmen dieses Modell auf ihren Arbeitsalltag übertragen?


Wir propagieren unsere Methode erst und hoffen, dass Unternehmen von ihr lernen können. Die Idee ist jedoch, den Unternehmen ein intensives Coaching beim Einführungsprozess von Web 2.0 anzubieten, das unterschiedliche Schwerpunkte für die angesprochenen Generationen setzt. Uns erscheint es unerlässlich, die Mitarbeiter an die neuen Medien und den neuen Arbeitsstil heranzuführen, um die nötige Sicherheit im Umgang damit aufzubauen. Testumgebungen zum Üben sind wichtig, aber dabei kann es nicht bleiben. Das mag in manchen IT-affinen Unternehmen anders sein, wenn die Mitarbeiter die nötigen Kenntnisse aus ihrer beruflichen Tätigkeit mitbringen. Doch im Allgemeinen halte ich es für gefährlich, solche Beispiele auf andere Branchen beziehungsweise Mitarbeiter mit anderem Berufshintergrund zu übertragen. Das Scheitern ist dann vorprogrammiert.

Welche Rolle werden Wikis und andere Elemente des Web 2.0 in Zukunft für Unternehmen spielen?

Ich bin sicher, dass das Web 2.0 noch viele Unternehmenszusammenhänge beeinflussen wird. Wikis werden sicherlich darauf einwirken, wie Unternehmen Wissensbasen bilden und pflegen. Denn sie sind kostengünstige, einfach zu erlernende und hohen Nutzen stiftende Werkzeuge des Wissensmanagements und schaffen eine neue Grundlage für Kollaboration und Teamarbeit. Die Entwicklung hin zu einem stärkeren Einsatz von Web 2.0 ist bereits im Gange, aber noch lange nicht am Ende - weder konzeptionell, noch technologisch. Die Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass mit diesem Trend mehr dezentrale Verantwortung einhergehen muss. Top-down-Steuerung wird hier schnell an ihre Grenzen stoßen. Erfolg werden vor allem Organisationen haben, die bewusst Freiräume zum Experimentieren, Ausprobieren und Spielen schaffen – und zwar in der bezahlten Arbeitszeit. Moderne Organisationen führen das bereits vor.

Interview: Stefanie Hornung