Warum Work-Life-Balance das Burnout-Risiko verschärft

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Foto von Claire Nakkachi

Herr Frey, Sie vertreten die Ansicht, das Work-Life-Balance-Konzept sei gescheitert. Können Sie erläutern, was Sie zu dieser Annahme verleitet hat?

Markus Frey: „Balance“ bedeutet Gleichgewicht, Waage. Es geht also in diesem sprachlichen Bild darum, dass sich Arbeit und Leben die Waage halten. Dabei hat jedoch die eine Waagschale „Arbeit“ nichts mit der Waagschale „Leben“ zu tun. Sie wird also nicht als legitimer Teilbereich des Lebens angesehen, sondern steht dem Leben als Gegenpol gegenüber. Nur so funktioniert die Metapher von der Work-Life-Balance! Wenn die Arbeit als möglicher positiver Teilbereich des Lebens angesehen worden wäre, dann hätte dieser Begriff überhaupt keinen Sinn gemacht.

Diese Vorannahme der Arbeit als Gegenpol des Lebens führt zu einer negativen Grundhaltung der Arbeit gegenüber – und in der Folge in eine Art Unzufriedenheitsspirale. Und das bereits bevor(!) stressverschärfende Faktoren wie Überarbeitung, schlechte Arbeitsatmosphäre, Mobbing u.a.m. dazukommen.

Wie wirkt sich denn die angesprochene negative Einstellung zur Arbeit auf das Burnout-Risiko bzw. das Risiko anderer psychischen Erkrankungen aus?

Markus Frey: Wer diese grundsätzlich negative Einstellung zur Arbeit auf der Basis des Work-Life-Balance-Konzeptes verinnerlicht hat, für den ist „Balance“ höchstens ein Zwischenschritt. Denn wenn Arbeit der negative Gegenpol des Lebens ist, dann will ich natürlich möglichst viel Leben und (immer gemäß dem Work-Life-Balance-Konzept) folgerichtig möglichst wenig Arbeit. Die Realität gestaltet sich aber so, dass die überwiegende Mehrheit täglich sieben, acht und mehr Stunden mit ihrer Arbeit verbringen muss. Das führt dann in die schon erwähnte Frustrationsspirale und erklärt zumindest teilweise, weshalb etwa 85 % aller Arbeitnehmer in Deutschland innerlich zwischen „Dienst nach Vorschrift“ und „Innerer Kündigung“ schwanken.

Verstehen Sie mich nicht falsch, das liegt natürlich nicht nur an dem Begriff der „Work-Life-Balance“, aber Worte haben eine starke Macht als Transporter unserer Gefühle. Und die schaffen es eben, dieses Lebensgefühl zumindest zu verstärken.

Was sind denn klassische Warnsignale einer Burnout-Erkrankung – und was nicht?

Markus Frey: Ich beginne mal mit einem Aspekt, der gerade kein(!) Warnsignal für eine Burnout-Erkrankung ist: Jemand, der sehr viel arbeitet, wird in unserer Kultur sehr schnell vor dem Burnout-Syndrom gewarnt. Ganz so, als wäre allein die Arbeitszeit – also der rein quantitative Aspekt – schon ein Hinweis auf eine beginnende Erkrankung. Natürlich ist die physische und psychische Belastbarkeit jedes Menschen endlich, aber Sie können mit einer 35-Stunden-Woche Burnout-gefährdeter sein, als jemand anders mit einer 60-Stunden-Woche. Es bringt also wenig, das allein an der Arbeitszeit festzumachen.

Einer der stärksten Hinweise einer Burnout-Erkrankung ist zum Beispiel, wenn ein Angestellter, der bisher nicht zu bösen Witzen oder Kommentaren neigte, plötzlich sehr zynisch und sarkastisch wird – sein Umfeld und seine Arbeitswelt also extrem negativ bewertet. Weitere Warnsignale können die starke Reduktion der Konzentrationsfähigkeit sowie die auffällige Zunahme von Fehlern oder Arbeitsunfällen sein. Man merkt es auch an der allgemeinen Stimmung des Betroffenen – natürlich nur über einen längeren Zeitraum hinweg. Nicht jeder, der mal missmutig ist, ist dann gleich Burnout-gefährdet. Aber in der Summe können das sehr starke Hinweise sein.

An welchen Leitlinien einer wirkungsvollen Burnout-Prävention sollten sich Arbeitgeber orientieren?

Markus Frey: Arbeitgeber tun schon gut daran, auf eine optimale Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu achten. Aber das ist nur ein Aspekt und der verdeckt ein Balance-Problem, das umfassender ist: Nämlich die Balance, der Ausgleich, von verbrauchter und wieder aufgefüllter Energie. Dazu ist es notwendig, dass folgende Energiequellen offen bleiben:

1. Unser Denken, neudeutsch „Mindset“. Hier geht es primär darum, wie wir Situationen, in die wir geraten, bewerten. Diese Bewertung ist für unsere Belastungsfähigkeit entscheidend, sie kann eine Stresssituation verschärfen oder reduzieren. Je nachdem, mit welcher Einstellung man sich dieser Situation stellt.

2. Der Sinn, das „Warum“ Ihres Lebens. Sie können im Sinne einer wirkungsvollen Burnoutprävention alles richtig machen, wenn Sie aber Ihr Leben im Allgemeinen und Ihre Arbeit im Speziellen als letztlich sinnlos bewerten, dann werden Sie trotzdem ein hohes Burnoutrisiko haben. Umgekehrt ist die Sinnkomponente der wohl größte Energiebooster überhaupt.

3. Unsere Beziehungen. Hier könnten Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ansetzen. Aber auch die generelle Beziehungsfähigkeit der Mitarbeiter, inklusive der beruflichen Beziehungen ist von hoher Bedeutung.

4. Unser Körper. Also, dass wir ihm das geben, was er an Ruhe (insbesondere Schlaf), Bewegung und Ernährung braucht, um seinen Energielevel hochzuhalten.

5. Die Arbeit selbst. Sie ist nämlich nicht nur Energieverbraucher, sondern hat auch ein hohes Potential als Energielieferant! Dazu müssen jedoch gewisse Bedingungen erfüllt sein. Das fängt sicher schon bei der Berufswahl an. Im Arbeitsalltag sind dann aber auch die gegenseitige Wertschätzung der Mitarbeiter aller Hierarchiestufen, zeitnahes Feedback, eine positive Arbeitsatmosphäre und damit die Firmenkultur von kaum zu überschätzender. Und die Firmenkultur ist an dieser Stelle die wichtigste Verantwortung der Arbeitgeber!

Lassen Sie uns nochmal genauer auf die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ eingehen. Was könnten Unternehmen, die besonderen Wert auf Familienfreundlichkeit legen, tun, um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Arbeitsalltag zu entlasten?

Markus Frey: Die Möglichkeiten sind betrieblich natürlich sehr unterschiedlich. Vieles wird auch schon gemacht. Wichtig ist, dass Arbeitnehmer als Menschen und nicht nur als Arbeitskraft wahrgenommen werden. Sinnvoll sind sicher Flexibilität bei den Arbeitszeiten, wie zum Beispiel Gleitzeitmodelle, oder Home-Office-Regelungen. Das braucht Gesprächsbereitschaft, Fantasie und unternehmerische Kreativität, aber auch Durchsetzungskraft und klare Regelungen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind hier gefordert, individuell nach Lösungen zu suchen, dank derer beide zu ihrem Recht kommen. Dazu braucht es zuweilen auch etwas Mut und gegenseitiges Vertrauen. Aber wenn man dieses im Sinne der angesprochenen Firmenkultur aufgebaut hat, dann gibt es hier auch große Chancen zu echten Win-win-Maßnahmen.

Nachdem Sie den Begriff „Work-Life-Balance“ als solches infrage gestellt haben, hätten Sie denn einen Vorschlag, den Begriff so umzuformulieren, dass er nicht länger diese negative Einstellung zur Arbeit verkörpert?

Markus Frey: Bei uns hat sich in den vergangenen Jahren der Begriff der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ durchgesetzt. Persönlich favorisiere ich andere Alternativen. Ich denke, es war Professor Lothar Seiwert, der aus dem Begriff „Work-Life-Balance“ einfach das „Work“ rausgenommen und nur noch von „Life-Balance“ gesprochen hat. Das hat den Vorteil, dass die Fokussierung auf die Gegensätzlichkeit von Arbeit und Leben, ausgenommen wird. Auch der von mir in meinen Vorträgen und Publikationen bevorzugte Begriff „Energy-Balance“ macht deutlich, worum es wirklich geht. Alle Wortverbindungen von „Work-Life“, also auch „Work-Life-Balance“, würde ich ansonsten entsorgen, weil sie stets diese lebensfremde Gegensätzlichkeit von Arbeit und Leben voraussetzen.

 

Zur Person:

Markus Frey ist der Autor von „Den Stress im Griff“ und des Hörbuchs „Mit Stress zur Spitzenleistung“ sowie der Entwickler des Programms „Selbstbestimmt im Stress“. Letzteres ist ein umfassendes Konzept, das dessen Nutzer in die Lage versetzt auch in „stressigen“ Zeiten stets Zugriff auf mentale, körperliche und seelische Quellen der Lebensenergie zu erhalten.

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