Tanz im Zahlenkarussell – wie lange noch. Business Schools im Wandel

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Foto von Austin Distel

In den Volks- und Wirtschaftswissenschaften geht ein Ruck durch die Welt. Studierende zwischen Asien, USA und der Schweiz haben im Mai 2014 ein internationales Manifest unterschrieben und veröffentlich, welches die Weltöffentlichkeit auf eine gefährliche Schieflage ihrer Fächer hinweisen soll. Die Autoren und Unterstützer sind in Dutzenden Gruppen organisiert, denen sich zum Teil auch Lehrende angeschlossen haben. Zusammen kreidet man Fakultäten und Wirtschaftsbossen an, die Wirtschafts- und Finanzmärkte quasi lediglich per Computersystem und den dazu gehörigen mathematischen Methoden zu steuern. Dementsprechend kämen in den VWL- und BWL-Studien Disziplinen wie Soziologie oder Philosophie viel zu kurz, wodurch die harte Faktenlinie ohne Kulturboden und lebenstechnischen Zusammenhang steht. Weiterhin beklagen die Organisationen, dass sich einseitige, neoliberale Denkmodelle in der Lehre durchsetzen und plurale Ansichten über Wirtschaft verdrängten.

In der Schweiz hat sich an der Manifest-Aktion namentlich die Gruppe PEPS Helvetia beteiligt. Schon zuvor hatten weitere Studierende und Lehrende der Universität Zürich in 2013 in einem offenen Brief an ihre wirtschaftswissenschaftliche Fakultät Reformbedarf angekündigt. Die Autoren schreiben: „Dieses Schreiben ist jedoch nicht nur ein öffentlich – kritischer Brief an die universitäre Organisation, sondern auch ein Aufruf an alle Studierenden, mit ihrer Unterschrift den Appell zu unterstützen“. Weiter heisst es in dem Brief, dass die derzeitigen Wirtschaftskrisen lediglich aktuellere Beispiele der Geschichte seien, die schon gezeigt hätte, dass viele wirtschaftswissenschaftliche Theorien und Modelle nur partiell oder gar nicht in die Realität zu übertragen seien. Es liesse sich jedoch zeigen, dass neben der Neoklassik alternative Ansätze die Realität besser zu beschreiben wüssten. Doch in der Wirtschaft habe man sich offenbar dazu entschieden, die Ästhetik vereinfachter mathematischer Modelle zur Erklärung sehr komplexer Zusammenhänge vorzuziehen. Die Autoren vermuten weiterhin, dass die aktuell genutzten Modelle dazu nutzen, „gewisse politische Dogmen“ zu stützen. Der Brief schliesst mit einem Appell zu mehr Reflexion in den Wirtschafts- und Volkswirtschaftlehren und unterbereitet konkrete Handlungsvorschläge. 

Revolution an Business Schools? Will das der Kunde?

Solche gross angelegten Aktionen sind an Business Schools selbstredend kaum denkbar. Die Schools agieren als Dienstleister der Unternehmen, welche ihnen Mitarbeiter senden, bzw. sie sind Akteure der Personen, die sich der weltweiten Elite in ihrem Business anschliessen wollen. Ethik war bis ins Krisenjahr 2008 keine Sprache, die solche Leute hätten unbedingt erlernen wollen. Erst seit dem weltweiten Tanz der Finanzmärkte nahe am Abgrund eines Bankrottes, haben sich verschiedene Business Schools entschlossen, ihre neoliberal geprägte Lehre aufzubrechen. Man dachte über neue Lehrformate nach – Erfahrungsimpulse und Case Studies, statt frontalem Eintrichtern von Mathematik und Modellen. Über derlei neue Strategien hofften  die engagierten Schools sozusagen in voller Fahrt einen Wandel auch bei den Inhalten zu erzielen. Doch die Veränderung kann nur schrittweise möglich sein, in dem Masse nämlich, wie in der Wirtschaft alleweil doch nur mit Kennzahl und Controlling gearbeitet wird.

Business Schools auf neuen Wegen

Frischer Wind für einen Wandel kam auch durch die Gründung verschiedener alternativer Schools, die ihren Studenten grünes, weil nachhaltiges Denken nahe bringen. Auf dem Lehrplan stehen neben den klassischen Wirtschaftsthemen auch Inhalte aus Kunst, Geschichte, Staatswissenschaft und Gesellschaft. Man versucht, mehr verantwortungsvolle Bürger und Unternehmer zu erziehen als kurzsichtig und einseitig orientierte Bonusmanager. Der Slogan: „In Zukunft nur noch nachhaltig“, soll Gesichter und Hände finden, die ihn leben können. Zu diesen progressiven Schools gehören beispielweise die Zeppelin Universität in Friedrichshafen, die Jacobs University Bremen oder die Universität St. Gallen. 

Ethische Kosmetik an neoliberalen Konzepten
wird schnell aufgedeckt

Auch neoliberale Kaderschmieden folgten diesen Beispielen und führten Formate ein, in denen Studenten über Ethik und Nachhaltigkeit diskutieren. Überzeugen konnten sie damit nicht alle Kritiker. So formulierte der ehemalige HR-Chef der Deutschen Telekom Thomas Sattelberger eingängig für das Magazin Spiegel, dass die grossen Business Schools lebendige Leichen seien. Im Interview mit dem Medium sagte er: „Die amerikanischen Business Schools sind doch vor allem das ideologische Transport-Vehikel des Finanzkapitalismus. Sie sind einseitig ausgerichtet auf die ökonomische Theorie effizienter, sich selbst steuernder Märkte – und dieser Irrglauben, gemischt mit Gier, hat zu den Exzessen mit Schrotthypotheken, zu der Modellierung toxischer Produkte, aber auch zu Masslosigkeit in der Vergütungspolitik geführt. Diese Schulen sind voll und ganz auf den Homo oeconomicus fixiert, der stets nur als rationaler Akteur handelt, um seinen Nutzen zu optimieren. Es fehlen andere, ebenso wichtige Sichtweisen: beispielsweise Geschichte, Soziologie oder Psychologie, auch die relativ neue Disziplin der Behavioral Economics, der Verhaltensökonomik. Die Theorie, die heute vermittelt wird, hat substantiell versagt und ist moralisch verrottet“. Weiterhin führte Sattelberger aus, dass die vereinzelte Lehre von Ethik oder Corporate Social Responsibilty an den Schools nur als Mäntelchen dienten. Sattelberger dürfte tatsächlich genau wissen, wie die Lage aussieht, denn er selbst engagiert sich in der Szene. Im Juli 2012 wurde er Vorstandsvorsitzender der ZU-Stiftung, der Trägerstiftung der Zeppelin Universität in Friedrichshafen.

Für die Zukunft bleibt abzuwarten, inwiefern sich Studierende, enttäuschte Manager und Gesellschaft gegen den Zahlenbetrieb erfolgreich zu Wehr setzen können. Doch der Druck dürfte weiterhin bleiben, denn die Kritiker vernetzen sich immer mehr. Und auf ihrer Seite stehen zunehmend mehr Medien.

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Gelesen und verlinkt:

Offener Brief an die Uni Zürich
Aufruf der PEPS Helvetia

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Fotocredit: © Stefan Heerdegen | www.pixelio.de

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