Sugata Mitra: Selbstorganisiertes Lernen fördern

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Bildungssystem aus alten Zeiten

Wenn man sich in der Welt umsehe, so Mitra zu den Zuhörern des Leonardo-Forums auf der PLE, falle einem auf, dass es genau da, wo es die unnachgiebigsten Schulsysteme gebe, früher große Weltreiche zu regieren galt. „Österreich, Deutschland, Großbritannien, um nur einige zu nennen – alles Nationen, die ein großes Reich umfassten. Stellen sie sich vor, sie sind ein Eroberer. Sie haben ein Reich zu regieren. Wenn ihnen ein Minister sagt, sie müssen bis nächste Woche 1.000 Soldaten haben, sonst sind sie tot. Was tun sie? Sie sagen zu ihrem Bildungsminister: Schaffen sie mir ein System, das Soldaten auf Abruf produzieren kann. Schaffen Sie mir ein System, dass mir Verwalter und Dienstboten auf Abruf produziert. Polizisten auf Abruf. Es gibt keine andere Möglichkeit, ein Reich zu führen. Was muss dieses System ausmachen? Es braucht Curricula, es braucht Prüfungen, es braucht fest umrissene Zeiten. Es muss gewährleisten, dass jeder der das System durchläuft mit identischen Fähigkeiten herauskommt. Das ist das System, dessen Produkt wir sind.“ Dieses System sei mit dem Verschwinden der Weltreiche obsolet geworden, auch die Notwendigkeit, Arbeiter auszubilden nach dem Muster „Gebildet, gutes Benehmen, exakt identisch, folgsam“ sei nicht mehr gegeben. Es sei deshalb an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Experiment zeigt Selbstorganisation

An diesem Kapitel arbeitet Mitra mit Schulen überall auf der Welt. In seinem Experimenten zeigt er, wie bereits Schüler selbstorganisiert lernen können, sich mit Hilfe des Internets neue Themen erarbeiten und Lösungen auf komplexe Fragestellungen finden. Mitra berichtete von einer Klasse in einer Brennpunktschule in Durham, einem County in der Nähe der Industriestadt Newcastle.

Er forderte die Klasse auf, sich in Gruppen zu je vier Schülern aufzuteilen, dazu wurde ein „Polizist“ gewählt, der für Ruhe und Ordnung während der Stunde verantwortlich ist und Hilfestellung leisten soll. Jede Gruppe durfte an einem Computer mit Internetanschluss arbeiten. Mitra stellte eine Frage, für deren Beantwortung die Schüler 40 Minuten Zeit bekamen: „Die Frage war: Was war das „British Raj“?   War es gut oder war es schlecht?“ Die Lehrerin sei überzeugt gewesen, die Schüler könnten die Frage nicht beantworten, weil sie nicht wüssten, was der Ausdruck „Raj“ bedeute (Anm. der Redaktion: Raj ist der indische Ausdruck für das Britische Empire (reign = Hindi „raj“) . Nach zehn Minuten habe es die erste Antwort gegeben:  „Eine Gruppe von Mädchen in der Ecke sagte, wir haben die Antwort! „The British Raj is an Indian Take Away Restaurant at the Corner.“ Ich dachte bei mir – die Methode ist gründlich schiefgegangen, aber ich konnte an dieser Stelle nicht intervenieren. Das ist also ein Beispiel für fehlgeleitete Suche im Internet. In einer anderen Ecke gab es eine Rowdy-Gruppe von kleinen Jungen, die spielte statt zu arbeiten. Aus dieser Gruppe löste sich ein Junge, kam zu den Mädchen, sah ihnen über die Schulter und sagte: Es geht nicht um Restaurants, ihr Dummies, es geht um Indien! Das nennt man ein „selbstorganisierendes System!“  Nach 40 Minuten sollten die Schüler ihre Lösungen präsentieren. Die erste Antwort, das Britische Empire sei gut und schlecht zugleich gewesen, akzeptierte der Professor nicht. „Ich sagte ihnen, ich will keine Wischi-Waschi-Antworten. Ich möchte, dass ihr einen Standpunkt vertretet. War es gut oder war es schlecht? Fünf Minuten später kam ein kleiner Junge nach vorn  und sagte: „Das Britische Raj war schlecht. Warum? Weil die Briten viele gute Dinge für Indien getan haben, aber niemand hat sie darum gebeten“. Ich habe nie eine klarere Erklärung gehört. In nur 40 Minuten können Kinder zu so einer Erkenntnis gelangen.“

Zukunft nicht absehbar

Mitra forderte die Teilnehmer auf, einen Blick in die Zukunft zu werfen und sich einzugestehen, nicht einschätzen zu können, welches Wissen in mehr als drei Jahren wirklich notwendig sei und auf welche heute noch unbekannten Berufe wir Schüler vorbereiten müssten.  Als Beispiel nannte er den Beruf des App-Entwicklers, den es vor kurzem noch gar nicht gegeben habe. „Was inserieren Sie, wenn Sie einen App-Entwickler suchen? Gesucht ist ein App-Entwickler. Qualifikationen gewünscht. Welche Qualifikationen? Ein Doktor in Computerwissenschaften? Dazu geht die Entwicklung in diesem Bereich viel zu schnell geht. Sie können nur fragen: Haben Sie schon einmal eine App geschrieben?“ 

Kinder und Jugendlichen von heute sei es schlicht nicht mehr zu erklären, warum sie in Schule und Beruf keinen PC, Smartphone oder Tablet benutzen dürften. Skeptikern, die vor zuviel Internet in Bildung und Arbeitswelt warnen, hielt Mitra entgegen, dass das Internet allein keine Probleme löse.  Zwar gebe es sehr wohl kluge Antworten im Netz, diese zu finden sei aber davon abhängig, gute Fragen zu stellen. Anschließend komme es darauf an, aus den gefundenen Antworten die passende Lösung zu kreieren. „Ich denke, der Zweck von Aus- und Weiterbildung sollte viel stärker es sein, solch eine internetbasierte Problemlösungskompetenz zu fördern“, meinte Sugata Mitra. „Diese Fähigkeit ist die einzige Fähigkeit, die ein menschliches Lebewesen ausbilden muss. Wir haben eine Wahl. Wir können abwarten, bis das System zerbröckelt, bevor wir ein neues schaffen, oder wir können jetzt damit anfangen, ein neues System zu schaffen.“

 

Sugata Mitra, Professor für Bildungstechnologie an der Newcastle Universität in Großbritannien und derzeit Gastprofessor am Media Lab des Massachusetts Instituts of Technology (MIT), ist der Preisträger des diesjährigen „Leonardo-Awards“ in der Kategorie „Crossing Borders“. Mitra, der in Bezug auf den Oscar-prämierten Film „Slumdog Millionär“ gerne als „Slumdog Professor“ bezeichnet wird, wurde durch sein „Hole in the Wall“-Experiment bekannt, bei dem er 1999 einen Computer mit Internetzugang in einer Grenzmauer zu einem Armenviertel in Neu Delhi installierte. 

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