SERIE | PAUL WATZLAWICK LESEN: Der Versuch, eine Lücke zu schließen, ist das Problem | Teil 2

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Foto von Ant Rozetsky

Probleme? Meine, deine, keine – Fehllösung  

Mit dem Satz „Wenn die Lösung das Problem ist“ sind viele weitere Gründe verbunden. Zum Beispiel dieser: Lücken werden gern notdürftig geschlossen und das erzeugt dann Fehllösungen. Eine solche entsteht zum Beispiel, wenn die Teilhabe an einem Problem geleugnet wird. Satirisch formuliert: Wenn ich kein Problem in einem Projekt sehe, alles bestens und schön ist und die anderen trotzdem eine Schieflage melden, dann müssen die wohl an einem Knick in der Optik leiden. Wunderbar! Ganz klar: Die anderen haben ein Problem. Das auch mir zugeschriebene Problem ist ja gar nicht meins, sondern ihrs. Wer es sieht, soll es doch aufräumen. Fall gelöst!


Fehllösung Nr. 2: Utopie versteckt sich hinter Unzulänglichkeit

Eine Fehlösung steht ebenfalls garantiert ins Haus, wenn die Lösung, die zurechtgelegt wurde, utopisch und damit unerreichbar ist. Knifflig und zerfahren wird die Situation erst recht, wenn der Betreffende gebetsmühlenhaft über eine postulierte, eigene Unzulänglichkeit grübelt, statt sich damit zu beschäftigen, ob das gewählte Ziel und die Mittel adäquat sind.

Garantierte Fehllösung: Ziel statt Weg

Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie voller Vorfreude und gespannter Seelenkräfte auf ein Ziel hingearbeitet haben und als Sie es erreicht hatten, verkehrte sich das erwartete Hochgefühl in ein bleiernes Gefühl des Verlusts? Noch schlimmer: Es wurde Ihnen klar, dass jegliche Zielerreichung einen Verlust bedeutet. Es wäre also besser gewesen, das Ziel erst gar nicht zu erreichen. Das Problem als Weg muss bestehen bleiben. Eine Lösung wäre eine echte Fehllösung.

Des Egos liebste Fehllösung: Ich! Mit der absoluten Wahrheit …

Eine ganz populäre Fehllösung liegt in der Annahme einer absoluten Wahrheit. Versuchen Sie sich vorzustellen, dass nur Sie die Wahrheit zur Lösung des Problems kennen und nur Sie dieses Problem lösen können. Alle Argumente und Vorschläge anderer Menschen können daher pauschal nicht richtig sein. Sie müssen selbstverständlich von der Wahrheit überzeugt werden. Für diese aber wird Ihre Lösung dann zu einem echten Problem.

Tipp: Bevor Sie nach Lösungen suchen, machen Sie sich bewusst, was ein Problem, eine Fehllösung und eine Lösung eigentlich für Ihren konkreten Fall voneinander unterscheidet. Denn wie schon das zitierte Gelassenheitsgebet sagt: Der Unterschied macht die erlösende Differenz.   

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Fotocredit: © Uwe Bergeest | www.pixelio.de 

Paul Watzlawick hat seinen Stehsatz „Wenn die Lösung das Problem ist“ in einem Kongressvortrag einmal so ausgeführt:  

„Schon in Babylon beklagte man, dass der Nachwuchs faul, dumm und unverantwortlich ist. Wir sehen also, dass seit mindestens 3.000 Jahren das Phänomen besteht, welches allgemein die „Generationenlücke“ genannt wird. Man darf annehmen, dass es für ein derartig altes Problem vermutlich keine Lösung gibt. Und dass man damit leben muss wie mit dem Schnupfen oder der Schwerkraft.

Aber im Verlauf der Zeit stellt sich heraus, dass größere Gruppen von Menschen sich davon überzeugen lassen, dass die Generationenlücke geschlossen werden kann und muss. Und genau das – meine Damen und Herren – schafft nun ungeahnte Probleme. Der Versuch, die Lücke zu schließen ist, das Problem“


Der Philosoph formuliert eine Weisheit, die in spirituellen Kreisen mit diesem Spruch bebildert wird: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Doch mit der Erkenntnis von unveränderbaren Problemen – dies wären im Kern übrigens Rahmenbedingungen, keine Probleme – erschöpft sich die Watzlawicksche Ursachenforschung nicht.

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