SERIE | PAUL WATZLAWICK LESEN: Auf Befehl etwas spontan zu tun ist ebenso unmöglich, wie etwas vorsätzlich zu vergessen oder absichtlich tiefer zu schlafen. (3)

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man sitting on chair wearing gray crew-neck long-sleeved shirt using Apple Magic Keyboard
Foto von Tim van der Kuip

Ich gebe Ihnen dazu noch ein paar Anregungen aus dem Joballtag: Denken Sie daran, wie oft Unternehmen Mitarbeitern den Besuch von Veranstaltungen oder Fortbildungen auf Freiwilligkeitsbasis anbieten. Wenn nun aber die Teilnahme in die Mitarbeiterbewertung – welche auch Gehaltsverhandlungen beeinflussen kann – am Ende des Jahres einfließt, wie kann sich der Mitarbeiter da frei entscheiden?

Noch eine Beispielsituation: Eine dominante Vorgesetzte fordert einen Mitarbeiter auf: „Sagen Sie doch einfach was Sie denken, Sie brauchen keine Angst haben.“ Nun weiß aber jeder in der Firma, dass diese Managerin im Betriebsalltag nur ihre Meinung gelten lässt und es stets ihre Impulse und Ideen sind, die umgesetzt werden. Kann der angesprochene Mitarbeiter also tatsächlich sagen, was er denkt, wenn er doch von vornherein weiß, dass seine Vorschläge nur adäquat sind, wenn sie den Vorschlägen der Vorgesetzten entsprechen. Andernfalls stünde der Arbeitnehmer nämlich als unfähig da. Was passiert im Gegensatz, wenn er nur das sagt, was der Chef wohl hören möchte? Wird er dann als Trittbrettfahrer ohne eigene Meinung oder gar als Speichellecker gesehen? 

Es bleibt also dabei: Paradoxe Botschaften bringen den Kommunikationspartner in eine unmögliche Lage, in der er meist riskiert, sein Gesicht zu verlieren. 

In diesem Sinne bedanke ich mich, dass Sie meinen Artikel bis zum Ende gelesen haben und freue mich über ein spontanes Feedback von Ihnen! 😉 

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Fotocredit: © Andreas Musolt | www.pixelio.de

 

Watzlawick eröffnet das Thema „paradoxe Erwartungen“ in seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ mit diesem Beispiel: „Einer alten Geschichte zufolge – deren Schlussfolgerung Theologen wie Philosophen gleichermaßen aus dem Konzept brachte – stellte der Teufel die Allmacht des lieben Gottes eines Tages dadurch in Frage, dass er ihn aufforderte, einen Felsen zu schaffen, der so riesengroß war, dass nicht einmal Gott selbst ihn aufheben konnte. Wie vereinbart sich das mit Gottes Allmächtigkeit? Solange er den Felsen aufheben kann, hat er es nicht fertiggebracht, ihn groß genug zu schaffen; kann er ihn aber nicht heben, so ist er aus diesem Grunde nicht allmächtig.“

 

Sie, lieber Leser, mögen jetzt verwundert einwerfen, dass die teuflische Aufforderung doch weit gewichtiger ist als das, was Sie von anderen Menschen im Alltag verlangen. Im Ergebnis sicher, nicht aber in der Grundsache. Das lässt sich einfach belegen: Haben Sie schon einmal einen Mitarbeiter gefordert, sich spontan verantwortlich zu zeigen? Und kam es dann vor, dass dies zwar passierte, Ihnen dieses Ergebnis keine echte Zufriedenheit bescherte? Weil nämlich die Erledigung nur deshalb geschehen war, weil Sie diese ausdrücklich gefordert hatten? Intendiert war aber, dass die Person von selbst handelt? Dann haben Sie den klassischen Widerspruch zwischen Anweisung und Erwartungen ja bereits erlebt.

Um zu verstehen, welche Gesetze in solchen Situationen wirken, müssen wir uns nur auf die andere Seite des Tisches begeben, mit einem Experiment. Lesen Sie: „Ich denke jetzt nicht an das Getränk meines heutigen Frühstück“. Was passiert? Ihnen ist spontan Ihr Frühstück wieder in den Sinn gekommen. Bevor Sie etwas „nicht“ tun wollen, müssen Sie es doch anvisieren.

Derlei paradoxe Anweisungen machen eine Erfüllung unmöglich, denn sie verbieten und fordern etwas zur gleichen Zeit ein. Im Ergebnis muss der Angesprochene, bzw. Betroffene eigentlich und scharf formuliert durch Ungehorsam gehorchen.

Wer sich bewusst macht, wie dieses Kommunikationsmuster in seiner Sprache und in seinem Denken verankert ist, begreift wie Situationen schief laufen. Er fordert keine Dinge mehr, die der Mitarbeiter, Kollege, Vorgesetzte, Chef eigentlich nicht oder nur falsch umsetzen kann.

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