Psychische Gesundheit: So wie ich in meinen Waldrufe, rauscht er über mir.

person standing near the stairs
Foto von Hunters Race

Frau Hein, die Kardinalfrage zur Gesundheit in unserer Arbeitswelt lautet: Wie lege ich den Schalter in meinem Kopf so um, dass ich nicht pausenlos in Problemen denke, sondern in Lösungen. Dazu eine erste Frage: Wie würden Sie eine problembewusste Haltung beschreiben?

Wir sollten zuvor fragen, worin mentale Probleme ursächlich gründen. Sie sind Störungen von Werten und Motivationen, die nicht einfach zu übergehen sind. Ein Bewusstsein, das auf diese Störungen fixiert ist, bewirkt, dass sich jemand bildlich gesprochen in seinen Stuhl hineindrückt und in Starre verfällt. Er denkt also nicht darüber nach, wo genau ihm etwas wehtut. Ich gebe Ihnen dazu ein Beispiel: Ich bekomme eine Aufgabe. Sie sieht vor, dass ich eine Präsentation innerhalb von einem Tag anfertigen soll. Nun bin ich aber vielleicht ein Mensch, der großen Wert auf Ordentlichkeit und Detailarbeit legt. Ich will keine halben Sachen machen. Und genau deshalb bekomme ich jetzt Stress. Vielleicht so sehr, dass ich an den Punkt komme, an dem ich sage: Ich schaffe die Präsentation auf gar keinen Fall. Mehr noch: Unter so einem Druck kann ich erst recht nicht arbeiten.


Bleiben wir bei diesem Beispiel. Wie sähe denn die Auflösungaus?

Die Dinge müssen auf den Tisch gelegt werden; was viele Menschen allerdings nicht gewöhnt sind.


Weil es leichter ist, Kummer zu schlucken. Das Gegenteil wäre Konfrontation.

Natürlich, Offenlegung bedeutet, auf Fakten zu schauen, Klarheit zu schaffen, vor sich und auch vor anderen Menschen. Ich will da gar nicht mal von Konfrontation sprechen. Der passende Ausdruck wäre: „Nach außen“ gehen. Es geht um einen Abgleich: Wer bin ich und was passt zu mir? Was erwarte ich von mir und von anderen? Wenn ich das auch kommuniziere, dann muss ich mich natürlich auch unter Umständen mit den Reaktionen der Betreffenden auseinandersetzen. Allerdings habe ich dann die Chance, dass sich Dinge lösen, die ich eben vorher allein mit mir ausgemacht habe. Oftmals komme ich allein nicht weiter. Ich kann Ihnen dazu wieder ein Beispiel geben: Ich habe eine Klientin gecoacht, die ein ähnliches Thema hatte. Wir haben uns gefragt, woran es liegt, dass sie aus einer unklaren Situation nicht herauskam. Sie hat dann festgestellt, dass sie mehr Kontur im Leben und Arbeiten braucht. Sie musste sich mehr mitteilen, um das tun zu können, was sie möchte. Dazu entstand ein Maßnahmenplan: Wann soll mit welchem Vorgesetzten was besprochen werden? Wie muss das vorbereitet sein? Dadurch kam sehr vieles bei der Klientin wieder in Fluss, was zuvor stockte.


All das setzt voraus, das ich mich mitzuteilen und andere Menschen anzusprechen weiß.

Man wird nicht umhin kommen, die eigene Kommunikationskompetenz zu stärken. Lösungsorientiertes Sprechen und Handeln heißt immer im Dialog sein. Wichtig ist dabei, nicht destruktiv zu werden. So nach dem Motto: „Jetzt zeige ich den anderen mal, was hier wirklich los ist“. Es geht nicht um Anschuldigungen, sondern um die Bitte um Verständigung und Verständnis. Also: Im Ton wertschätzend bleiben und in der Sache klar formulieren. Dann können auch Vorgesetzte bestimmte Dinge annehmen, die selbst für sie zuerst mal nicht so positiv sind. 


Der Mitarbeiter zeigt sich sachlich.

Und vor allem an der Sache interessiert. Er beweist, dass auch er möchte, dass die Dinge laufen. Und dass er nicht versucht, Frust abzuladen. Die meisten Probleme kann man besprechen. Wobei ich das Wort „Problem“ überhaupt nicht mag. Am liebsten spreche ich von „Themen“.


Das trifft einen interessanten Punkt, der in der Ratgeber-Literatur häufig aufgegriffen wird: Welche Worte lösen welche Assoziationen und damit welche Gefühle aus? Verändere ich Worte, verändere ich auch meine Haltung, gewinne mehr Energie.Sie selbst ersetzen also den Begriff „Probleme“ gegen „Themen“. Welche neuralgischen Begriffe gibt es noch?

In diesem Zusammenhang wird oft das Wort „Chancen“ genannt. Wenn ich den ersten Schritt hin zu mehr Lösungsbewusstsein getan habe – nämlich zu reflektieren und Sachverhalte offenzulegen, dann ist es ratsam, zu schauen, welche Chancen denn in dem liegen, was ich sehe. Gelingt mir das, bin ich auch schon ganz weit weg vom Problem. Das Wort Chance ist sehr positiv belegt. Ein weiterer kraftvoller Begriff lautet „Motivation“. Mit ihm frage ich mich, was mich wirklich antreibt. Die Auseinandersetzung damit bringt mich in Fluss, bewegt mich emotional, geistig und intellektuell. 


Spannend ist doch, dass all dies Aktion voraussetzt. In einem starken Problembewusstsein gehe ich betrübt durch meinen Alltag. Ich weiß jederzeit, was mich hindert, wacher, lustiger, schlagfertiger und dergleichen zu sein. Ohne, dass ich allzu sehr nachdenken muss.Anders herum, scheint es schwieriger zu sein. Müssen wir es ganz neu lernen, lösungsbewusst zu leben?

Manche Menschen müssen es lernen, ja. Aber vielleicht sind sie auch an einem Punkt, wo sie klare Entscheidungen treffen müssen.Vielleicht brauchen sie andere Umgebungen, wo sie ihre Werte und Motivationen besser leben können.


Damit treffen Sie einen sensiblen Punkt, der uns zum Thema „Angst“ führt. Es erfordert Mut, sich mit einer Realität zu konfrontieren, die unter Umständen lautet: „Hier ist mein Weg zu Ende.“ Problembewusstsein geht Hand in Hand mit Ängsten; mit großen wie kleinen. Wie kann ich diese auflösen? 

Ich glaube, dass es dafür kein Patentrezept gibt, weil Ängste sehr unterschiedlich begründet sind. Es können zum Beispiel Existenzängste sein. Oder sie entspringen meinen Wertevorstellungen; z. B. dann, wenn ich Perfektionist bin und dauernd befürchte, meine Arbeit sei nicht gut genug. Das bedeutet für den Umgang mit Ängsten, dass ich mir immer wieder klar werden muss darüber, wo genau der Schuh drückt. Das ist ein laufender Prozess; nichts also, was ich einmal abschließend erarbeite, um dann nie wieder damit belastet zu sein. Das führt uns wieder zu dem Thema der Motivationen und Werte eines Menschen. An dieser Stelle sollten wir nochmal betonen, dass Lösungen entstehen, wenn ich mir selbst über mich klar werde und mich zugleich anderen Menschen mitteile. Ich glaube, dass auchin Unternehmen künftig mehr darüber gesprochen wird. Also darüber, was Mitarbeiter bedrückt und warum sienicht immer zuvorkommend und hilfsbereit gegenüber Kollegen oder Kunden sind. Dazu muss es natürlich auch Vorgesetzte geben, die ein offenes Ohr haben und mit einem aufmerksamen Blick ihre Mitarbeiter begleiten. Denn wenn ich auf Ängste nicht eingehe, dann wiegen sie immer schwerer mit der Zeit.


Welche weiteren Parameter sind hilfreich, um unbeschwert durch den Tag zu gehen? 

Allen voran ist das Klarheit. Klarheit in der Rolle: Was ist mein Part? Wer bin ich in meiner Position? Was wird von mir erwartet? Wenn ich in diesen Punkten Antworten finde, dann kann ich Druck auch besser abfedern. In meinen Coachings höre ich dann öfter den Ausruf: „Ach so, deswegen ist das so.“ Das zeigt, dass Klienten erfasst haben, welchen Beitrag sie leisten oder warum sich bestimmte Umstände ergeben. Ein weiterer wichtiger Parameter ist definitiv Ausgleich. Jeder Mensch braucht Ausgleich. Den erhalte ich aber nur, wenn ich mal etwas ganz anderes privat tue; also zum Beispiel Freunde treffen, ausgehen, tanzen, Sport treiben oder einem Hobby nachgehen.


Inwieweit wäre denn auch Vertrauen ein wichtiger Parameter? Im Yoga heißt es dazu, der Mensch solle nicht ständig auf die Ergebnisse seiner Handlungen schauen. Vielmehr gilt es, dem Leben zu vertrauen und darauf, dass sich die Dinge so ergeben, wie der Mensch sie braucht. 

Was Sie ansprechen, ist ein grundsätzliches Vertrauen in sich selbst. Und das gelingt denen am Besten, die sich vergegenwärtigen, was sie bisher erfolgreich umgesetzt haben. Dies allerdings machen sich viele nicht bewusst. Vieles läuft oft schon sehr gut, wird aber vom Menschen selbst und auch von seinem Umfeld nicht entsprechend gewürdigt. Das kann daran liegen, dass permanent neue Dinge in den Fokus kommen und kaum Zeit bleibt, einmal inne zu halten. Im Endeffekt lässt sich sagen: Es gilt, jeden Tag ganz bewusst zu leben und zu erleben.

Vielen Dank für das anregende Gespräch.

Das Interview führte Stefanie Heine (HRM.de Redaktion)

Tipp von Margot Hein: Gehen Sie bei Problemen auch mal nach draußen. Probleme lassen sich nicht mit derselben Denkweise oder an demselben Ort lösen, wo sie entstanden sind, sagte Albert Einstein. Nehmen Sie das ruhig sprichwörtlich und machen Sie in Ihrer Mittagspause ein paar Schritte vor die Tür. Und seien Sie sich bewusst: Sie faulenzen nicht, sondern besorgen, dass sich Ihr Knoten im Kopf und im Herzen lockert, und Sie wieder klar denken können. Gehen bewegt. Lassen Sie Ihre Gedanken laufen. Das ist übrigens auch in einem Industriegebiet möglich.


Fotocredit: Marcel Ringhoff / www.pixelio.de

Melde dich jetzt zum HRM Newsletter an