PoP 2015: HR-Manifest als Gruppenhappening vorm Arbeitsminister?

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Foto von Trent Erwin

Wir fordern Orientierung! Heißt das: Befiehl, wir folgen?

Wie darf Hundstorfer außerdem diese Passage verstehen: „Wir fordern Orientierung: die klare Orientierung der Angebote, Methoden und auch der Studenten an den Bedarfen und Realitäten der Arbeitsmärkte, die Steuerung des gesamten Sektors über alle Bundesländer und die Förderung des Leistungsprinzips (in allen Dimensionen – nicht nur Noten) bei Studentinnen und Studenten, nicht des Mittelmaßes“. Rückfrage an die PoP-Crowd: Kann man Orientierung fordern? Das wäre ein Anfrage bei einem Lehrstuhl für Sozialkunde oder Philosophie wert. Der würde zum Beispiel melden, dass sich Orientierung aus der Skalierung von Rahmenbedingungen ergibt. Übrigens wird die systematische Orientierungslosigkeit seit Jahren im Hochschulwesen praktiziert: Jeder Mensch muss im Leben herausfinden, wo er hin will und sich entsprechend Fachwissen und Kontakte suchen. Kein Lehrer gibt mehr einen Kanon vor; außer er hätte spezielle Gründe.

Gefordert wird im Manifest außerdem Lust auf Lernen, eine andere Pädagogenausbildung und verpflichtende Potenzialanalysen für Schüler. Auch dies sind debattenintensive Punkte. Da lässt sich nichts fordern oder befehlen.

Etwas besser gelingt den Teilnehmern der Wurf bei arbeitsrechtlichen Themen: Arbeits- und Sozialversicherungsrecht sollen entrümpelt sowie regulatorische Voraussetzungen für betriebliche Kinderbetreuung erleichtert werden. Auch hier fragt sich, ob die Wortwahl das Ohr des Ministers erreicht. Zum Beispiel bei diesem Beitrag: „Entrümpelung, Vereinfachung und Neukodifikation des Arbeits- und Versicherungsrechts dringend notwendig – mehr Gestaltungsspielraum auf betrieblicher Ebene im Arbeitsrecht“. Kommentar an die Crowd: Was für den einen Menschen ein Gerümpel darstellt, bedeutet dem anderen nötige Verhandlungsmasse. Frage: Was mag wohl ein Richter vom Arbeitsgericht, der täglich juristisches Mikado spielen muss, zu dieser Passage sagen?

Summa summarum lässt sich also fragen: War die HR-Manifest-Übergabe ein PR-Gag? Wir wissen es nicht. Ein echter Meinungsbildungs- und Politprozess sieht anders aus. Der allerdings käme zustande, würde nun das Minister-Büro eine Einschätzung der Aktion und des Manifestes rückadressieren.

Fazit: Nette Aktion, so wie See, Hotel und Rust überhaupt. P.S. Der wahre PoP-Knaller dürfte der Auftritt von Thomas Sattelberger gewesen sein. Bei dieser Gelegenheit verweisen wir auf seinen Beitrag beim viel beachteten Kongress „Das demokratische Unternehmen“ – online komplett eingestellt und damit jederzeit zugänglich. So funktioniert Politik. Empfehlung: Gucken!  

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Foto Copyright: Eva | www.pixelio.de 

Manifest! Mit welcher Kompetenz?

Es ist nicht überliefert, was Herr Hundstorfer über die Aktion gedacht haben mag, wiewohl der PoP-Veranstalter dieselbe mit ihm abgesprochen hatte. Für den Fotografen des nun herumgereichten und auf Presse.com veröffentlichen Publikumsbildes blickte der Minister jedenfalls in seiner gewohnt gelassenen Manier bei der Manifestübergabe in die Kamera. Rust ist schön, auch bei weniger schönem Wetter. Der See, das Hotel, die Tagungsatmosphäre – so nett ist es im Ministerbüro nicht. Einige Wochen vor der Konferenz hatte Hundstorfer einmal wieder katastrophale Arbeitslosenquoten in Österreich kommentieren müssen: Die Sparte Tourismus bleibt top wegen vieler zusätzlicher Stellen, aber nahezu alle anderen Branchen befinden sich auf absteigendem Ast. Damit bestätigte sich, was schon im Jänner 2015 die Wiener Zeitung skizziert hatte; nämlich dass angesichts der aktuellen Datenlage eine Entspannung des Arbeitsmarktes auf Jahre hin kaum zu erwarten sei. Unterschrieben hatten diese Prognose AMS, Wifo und IHS. Das ist die Vorgeschichte zu Rust.

Der Epilog ist auch bekannt. Zurück in Wien, nahm der Minister einen Termin mit Bundeskanzler Werner Faymann am 28. April wahr. Beide präsentierten eine Novelle zum Arbeitsmarktfinanzierungsgesetz; wodurch vor allem die Jobchancen von Menschen über 50 Jahre gestärkt werden sollen. Zum Hintergrund: Die Quote der 50+-Erwerbstätigen knackt in Österreich heuer bundesweit die 1-Millionen-Grenze – Tendenz naturgemäß steigend.

Ob die vom Veranstalter gemeldeten 180 PoP-Teilnehmer – bestehend aus Personalmanagern und HR-Experten – zum Zeitpunkt ihres Meetings wussten, welche Projekte ihr Arbeitsminister eigentlich abwickelt? Es bleibt dem Einzelnen, seinem Sachverstand, seinem Arbeitsbereich und seiner Neugier überlassen, Politrecherche zu betreiben. Der Hausverstand weiß: Viele Personalmanager urteilen über Arbeitswelt, wie sie ihnen täglich auf der Straße, an ihrem Schreibtisch oder im Chefbüro passiert. Langer Rede, kurzer Sinn: Die Crowd der PoP hat bei einem Brainstorming à la Worldcafé zwölf Forderungen zusammengetragen, die weder mit realem Politgeschehen abgestimmt sind, noch sind sie jeweils in der Tiefe fachlich durchdacht.

Diese Tatsache wäre auch weiter gar nicht bemerkenswert, wenn nicht jede Manifestzeile mit dieser Phrase eingeleitet würde: „Wir fordern“. Dazu lässt sich anmerken: Wer ist „wir“? Wer spricht da mit welcher Kompetenz? Was bedeutet „fordern“? Fordern bedeutet etymologisch gesehen „anweisen“, „befehlen“, „ein Recht einfordern“ oder „einen Anspruch geltend machen“. Ist „fordern“ also der angemessene Begriff?

Die Mittel der angemessenen Wortwahl im Manifest wären gewesen: vorschlagen, beobachten und raten. So, wie die Zeilen nun am Blatt Papier stehen, haben die Manifest-Autoren Führungsmaßgaben missachtet, die Hundstorfer genauso formulieren muss wie so mancher Chef und Vorstand heutzutage auch. Diese würden sich dann so anhören: „Sie wünschen bitte, Herr oder Frau Mitarbeiter? Was soll sich ändern? Und wie stellen Sie sich die Umsetzung vor? Kommen Sie bitte wieder, wenn Sie mehr Details für uns haben. Mein Job ist das Entscheiden.“

               Die zwölf Förderungen
                   des HR-Manifestes –
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Das, was Herrn Hundstorfer jetzt zur Inspiration oder Nachbearbeitung vorliegt, ist ein Ritt durch alle möglichen Arbeits- und Bildungsthemen, die übrigens auch nicht alle in das Minister-Resort fallen. Da sollen Jugendliche – ohne dass sie oder ihre Eltern gefragt würden – vor dem Abschluss der siebten Schulstufe eine standardisierte Berufsberatung absolvieren. Dass es mit der Berufsberatung nicht gut bestellt ist, ist bekannt. Das Thema an sich ist abendfüllend. Gleichzeitig mit der Standardsberatung soll der Mensch mit seiner Individualität wieder stärker in den Mittelpunkt rücken; wie auch immer das gemeint ist. Welcher Mittelpunkt? Wo liegt der? Und was soll der Minister für die Umsetzung tun? Außerdem: Ist der viel zitierte Mittelpunktsache nicht eigentlich HR-Sache? 

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