Organisationale Energie: Typische Energiezustände in Unternehmen

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Foto von Daniel Fazio

Empirische Studien zeigen, dass das Ausmass an produktiver organisationaler Energie einen entscheidenden Einfluss auf den Unternehmenserfolg hat. Dynamischen und innovationsfreudigen Unternehmen gelingt es im Vergleich zu weniger erfolgreichen Unternehmen, Energiepotenziale stärker zu mobilisieren und für entscheidende Vorhaben im Unternehmen nutzbar zu machen. Organisationale Energie wird als die Kraft definiert, mit der Unternehmen arbeiten oder zielgerichtet Dinge bewegen. Niedriges Aktivitätsniveau, Changemüdigkeit, latente Spannungen, destruktive Kräfte – all dies sind hingegen Formen von negativer Energie, die den Unternehmenserfolg schmälern oder Organisationen sogar als Ganzes in Gefahr bringen können. Unter Leitung von Prof. Dr. Heike Bruch ist es am Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen (I.FPM) gelungen, dieses weiche Phänomen “Energie” greifbar zu machen, zu messen und den Einfluss auf die Leistung des Unternehmens empirisch zu zeigen. Die Stärke der organisationalen Energie zeigt, in welchem Ausmass ein Unternehmen sein emotionales, mentales und verhaltensbezogenes Potenzial zur Verfolgung seiner Ziele mobilisiert hat.

Mithilfe der zwei unabhängigen Dimensionen Qualität und Intensität lassen sich vier typische Energiezustände in Unternehmen unterscheiden. Die Intensität organisationaler Energie gibt hierbei das Ausmass der Aktivierung der vorhandenen Potenziale an und ermöglicht somit eine Unterscheidung in hoch- und niedrigenergetische Unternehmen. Die Qualitätsdimension gibt Auskunft darüber, ob die Energie positiv, d.h. auf die gemeinsamen Unternehmensziele ausgerichtet ist oder destruktiv genutzt wird. Diese Differenzierung ist entscheidend, da eine negative Ausrichtung der Energie dazu führt, dass die Mitarbeiter zwar stark emotional involviert sind, mitdenken und sich einsetzen, diese Potentiale aber negativ einsetzen, um aktiv Veränderungsmassnahmen zu verhindern, dem Unternehmen zu schaden oder ihre Eigeninteressen zu maximieren. Berücksichtigt man beide Dimensionen, ergeben sich die Energiezustände angenehme Trägheit, resignative Trägheit, korrosive Energie und produktive Energie.

 
Typische Energiezustände in Unternehmen (Bruch, H. / Vogel, B., 2009)

Angenehme Trägheit zeigt sich in Unternehmen oder Unternehmenseinheiten mit niedriger positiver Energie. Charakteristisch sind eine hohe Zufriedenheit mit dem Status Quo, geringe Handlungsintensität, niedrige Wachsamkeit und nur eine schwache emotionale Spannung. Dieser Energiezustand ist oft die Folge länger anhaltender Erfolgsphasen. Erfolg wird auf die bestehenden Strukturen und Verhaltensweisen attribuiert, so dass diese als besonders schützenswert empfunden werden. Eine stark ausgeprägte angenehme Trägheit führt zu einer reduzierten Veränderungsfähigkeit von Unternehmen, welche zu Erfolgsbeeinträchtigung bis hin zur Gefährdung der Existenz führen kann.

Auch in Unternehmen, in denen resignative Trägheit vorherrscht, sind ein geringes Aktivitätsniveau sowie reduzierte Interaktions- und Kommunikationsintensität und ein geringes Interesse an den Unternehmenszielen festzustellen. Dies ist allerdings nicht auf eine zu hohe Selbstzufriedenheit, sondern auf Enttäuschung, Frustration oder Gleichgültigkeit zurückzuführen. Die Ursachen sind häufig langwierige, wenig erfolgreiche Veränderungsprozesse und/oder längere Phasen mässiger oder nicht befriedigender Unternehmensleistungen. Resignative Trägheit führt zu geringerer Arbeitszufriedenheit und erhöhter Kündigungsabsicht.

In Unternehmen in denen korrosive Energie herrscht, ist zwar das energetische Potential in hohen Masse aktiviert, die mobilisierte Energie wird allerdings nach innen gerichtet und für destruktive Aktivitäten (interne Kämpfe, Spekulationen, mikropolitische Aktivitäten) aufgewandt, die letztendlich dem Unternehmen schaden. Unternehmen müssen in diesem Fall mit einer Vielzahl negativer Konsequenzen rechnen. Hierzu zählen unter anderem: Verlust der Kundenorientierung, mangelnde Aufmerksamkeit für kunden-, innovations-, produkt- und servicerelevante Themen und ein Vertrauensverlust, der zukünftige Unternehmensvorhaben nachhaltig erschwert.

Produktive Energie stellt schliesslich den wünschenswerten Energiezustand innerhalb einer Organisation dar. Die Mitarbeiter in einem Unternehmen, in dem dieser Energiezustand dominiert, zeichnen sich durch ein hohes Mass an Engagement und Einsatz für das Unternehmen aus und erleben positive Emotionen. Es herrscht eine erhöhte Wachsamkeit für relevante Informationen und eine hohe Interaktionsintensität; die Geschwindigkeit von Kommunikationsprozessen ist deutlich erhöht. Dies bedingt ein hohes Veränderungs- und Innovationspotenzial. Erfolgskritische Initiativen wie strategische Neuausrichtungen, Entwicklung neuer Produkte oder systematische Kostenoptimierung werden mit grosser Kraft vorangetrieben. Es verwundert deshalb nicht, dass Unternehmen mit hoher produktiver Energie eine erhöhte Profitabilität, hohe Mitarbeiterzufriedenheit und generell bessere Performance zeigen.

Die genaue Positionierung eines Unternehmens innerhalb der Dimensionen Intensität und Qualität lässt sich mittels eines am I.FPM entwickelten und von der energy factory St. Gallen AG exklusiv eingesetzten standardisierten Befragungsinstrumentes ermitteln. Das Instrument wurde bereits in über 600 Unternehmen eingesetzt; mehr als 250‘000 Mitarbeiter nahmen an den Befragungen teil.

Sebastian Ofer

Chefredakteur bei HRM Research Institute

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