NACHRUF // LUTZ VON ROSENSTIEL (02.11.1938 – 12.04.2013) – Trauer um den Grandseigneur der Wirtschaftspsychologie

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Lutz von Rosenstiel hat in München – die Stadt, in der er die Fakultät für Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Ludwig-Maximilian-Universität zu Rang und Namen führte –  endgültige Ruhe von schmerzhafter Krankheit und einem Leben des Schaffens und der unablässigen Konfrontation von Theorie mit Praxis gefunden. Von Rosenstiel ging zagenden und am Menschen verzweifelnden Wissenschaftlern sowie Praktikern stets mit entschiedenem Schritt voran und fragte sie als Menschenfreund – nicht aber als Gutmensch – unbeirrt: „Wo bleibt der Anwendungsbezug der Theorie?“ Wider den zynischen Rückzug in reine Lehre und für das Leben – dem widmete er sein ganzes Streben. Lutz von Rosenstiel wurde 74 Jahre alt. Geblieben sind uns seine Gedanken und Analysen. Aus 700 Veröffentlichungen. In der Erinnerung aller, die mit ihm geforscht haben und die heute in Organisationsstrukturen arbeiten und leben, welche er beratend auf den Weg brachte.

Es war kurz vor dem Einmarsch Hitlerdeutschlands in Polen, als Lutz von Rosenstiel am 2. November 1938 in Danzig zur Welt kam. Er war das jüngste von vier Kindern. Früh schon wurde er vaterlos. Als 1945 Dr. Helmuth von Rosenstiel im Alter von 45 Jahren verstarb, war die Mutter mit  zwei älteren Töchtern und zwei Söhnen auf sich gestellt. Sie ging mit ihren Kindern nach Süddeutschland.

Der junge Lutz von Rosenstiel studierte im Breisgauer Freiburg Psychologie, Betriebswirtschaft und Philosophie – eine Kombination, die er zeitlebens vertiefte und die ihm die Türen zu seinem interdisziplinären Denken öffnete. Er lernte, die Betriebswirtschaft mit dem Wissen um Menschen und ihr Verhalten zu hinterfragen. Die Lehre der Psychologie konfrontierte er mit dem für die Wirtschaft nötigen Pragmatismus. In der Philosophie fand er den Boden, um selbst eingefahrene Strukturen immer wieder neu zu denken.

Freiburg wurde allerdings nicht die Stätte seines Universitätsabschlusses. Er wechselte nach München, wo er 1963 sein Psychologie-Diplom machte. 1968 folgte die Promotion. Seine Habilitation reichte er 1974 erfolgreich in Augsburg an der damals neu gegründeten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ein, wo er sofort in den wissenschaftlichen Rat einstieg und bis 1977 Professor für Wirtschaftspsychologie war. Als  die Ludwig-Maximilian-Universität ihn als Leiter ihres Institutes für Organisations- und Wirtschaftspsychologie berief, begann eine 30 Jahre währende Partnerschaft zwischen beiden. Lutz von Rosenstiel schrieb in München den Großteil seiner knapp 700 Titel, schuf die Grundlagenwerke seines Faches und prägte es damit maßgeblich. Zwischen 1992 und 1999 war er Prorektor der Universität. Seit 2003 wirkte er im Hochschulrat der Universität der Bundeswehr – einer Kaderschmiede für Wissenschaftler und Praktiker im Personalwesen. In 2000 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Seine Wirkstätte in München verließ er endgültig in 2006. Ein letztes Mal betrat er an der Universität Hohenheim universitäres Parkett, als er zwischen 2010 und 2012 das Werk des ehemaligen Lehrstuhlinhabers für Wirtschaftspsychologie Prof. Heinz Schuler weiterführte. Aus Gesundheitsgründen stieg von Rosenstiel aus, publizierte und arbeitete aber bis zuletzt. Insbesondere der Spiegel nahm ihn immer wieder ins Interview, wo er in einer Reihe mit anti-neoliberalen jüngeren Talenten wie Stefan Jansen – Leiter der Zeppelin Universität – zu Wort kam; ihnen in Esprit und Aktualität in Nichts nachstehend. Noch im Januar 2013 unterhielt von Rosenstiel sich mit SPIEGEL ONLINE über Sinn und Unsinn in der Motivierung von Mitarbeitern. Er galt als Motivationsexperte. Dabei blieb es nicht. Da er interdisziplinär dachte, berufen sich Vertreter der unterschiedlichsten Branchen in ihren Theorien und Arbeiten auf ihn – Projektmanager genauso wie Controller, Werbefachleute wie Psychologen, Betriebswirte neben Organisationsentwicklern, Pädagogen und Unternehmensberatern.

Trotz dieser Bandbreite und einem immer wachen Interesse daran, wo Gesellschaft und Wirtschaft – jeweils in Beziehung zueinander – stehen, warfen selbst wohlwollende Kritiker Lutz von Rosenstiel vor, den neuen Zug der Zeit – das e-Learning – sträflich zu verpassen. Zwar wurde ihm zugute gehalten, dass er unablässig in einem Feld ständiger, unlösbarer Interessenskonflikte zwischen Kapital und Arbeit forschte. In dieser Haltung wurde er von Fachkollegen als Antagonist einer Reputation wahrgenommen, die sich allein auf Rankings gründet. Doch vermisst wurde sein Beitrag zur Welt neuer, zukunftsträchtiger Lerntechnologien. Lutz von Rosenstiel – so grundsätzlich wie er war und dachte – hielt Enthusiasten entgegen, dass Information ohne Mensch eben nur Information sei.    

Menschlich trat Lutz von Rosenstiel als Mentor seiner Studenten und Partner auf. In einem Interview mit dem Spiegel berichtete er, wie er Forschungsassistenten Nebenjobs vermittelt, als die Deutsche  Forschungsgemeinschaft während einem laufenden Projekt die Mittel ohne Vorwarnung kürzte. Bezeichnend für seinen Charakter war auch, dass er in Interviews und auf Konferenzen laufend auf Arbeiten anderer Wissenschaftler verwies und damit den Spirit der Forschungsgemeinschaft wahrte. Dennoch war er kein Netzwerker. Er behielt sich das Arbeiten in abgesteckten Feldern vor: Er gründete neben seiner Forschungsarbeit verschiedene Beratungsgesellschaften mit Partnern, unter anderem von „PerformPartner“ (Gründung: 1994), die sich der angewandten Wissen verschrieben. Eine weitere Beratung betrieb der Münchner mit Prof. Dr. Elisabeth von Hornstein. Auch hier stand die Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis im Vordergrund.

Familie, Kollegen, Partnern und Freunden ist der Abschied von Lutz von Rosenstiel ein schwerer. In angespannten Zeiten wie diesen hat ein gebildeter Mensch und menschlicher Forscher das Boot verlassen. Allen Trauernden wünscht die HRM.de-Redaktion die nötige Hoffnung und Muße, um den Verlust zu überwinden. Wissen mag veralten, Werke nicht – für den, der ihre Spuren sucht.  

Redaktionshinweis: Wenn Sie, lieber Leser, mitteilen möchten, welche Bedeutung der Verstorbene für Sie hatte und wie es Ihnen mit diesem Weggang geht, können Sie Ihre Gedanken im Kondolenzbuch der Süddeutschen Zeitung niederlegen: http://trauer.sueddeutsche.de/Traueranzeige/Lutz-vonRosenstiel#/Kondolenzbuch


Fotocredit: Lutz von Rosenstiel

Sebastian Ofer

Chefredakteur bei HRM Research Institute

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