Mitarbeiter im Ausland schützen

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Foto von Austin Distel

Wachsende Bedrohung

Mit dem Ende des Kalten Krieges hat sich die globale Sicherheitslage verändert. Die Zunahme religiös oder ideologisch motivierter Terroranschläge stellt Unternehmen vor große Herausforderungen bei der Entsendung ihrer Mitarbeiter ins Ausland. Das Spektrum anschlagsgefährdeter Staaten ist gewachsen. Überfälle auf Wohlhabende nehmen angesichts wachsender Armut in vielen Teilen der Welt zu. Die Sicherheitsbehörden sind häufig nicht in der Lage oder gewillt, Schutz zu garantieren. Sie sind teilweise sogar Teil des kriminellen Systems. Entführung als Business gewinnt an Attraktivität, von der wenige Tage dauernden Express-Entführung bis zur langen und zermürbenden Gefangennahme. Allein in Argentinien, eigentlich keinem klassischen Entführungsland, ist die Zahl der Express-Entführungen in den letzten zwei Jahren um 656 Prozent gestiegen. Bedrohungen für Mitarbeiter entstehen auch durch innenpolitische Veränderungen, wie zum Beispiel Umstürze oder Aufstände. Dabei sind Übergriffe auf Ausländer nicht selten. Die steigende Zahl der Naturkatastrophen und Seuchen ist vor allem deshalb bedrohlich, weil viele Staaten nicht über Frühwarnsysteme oder Kontrollmechanismen verfügen.

Brisante Mischung

Diese brisante Mischung müsste eigentlich dazu führen, dass Unternehmen mehr in die Sicherheit ihrer Geschäftsreisenden und Expatriates investieren. Doch die Realität sieht leider anders aus: sinkende Budgets und Kürzungen gerade im Bereich Security. Die gängigsten Totschlagargumente: „Uns ist noch nie etwas passiert“, „Die Eintrittswahrscheinlichkeit ist gering“, „100%ige Sicherheit gibt es nicht“.

Viele Unternehmen scheuen sich vor Investitionen in die Sicherheit, denn ihr Erfolg lässt sich kaum messen. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen sparen an der Sicherheit, obwohl auch sie vermehrt im Ausland tätig sind. Kommt es dann aber zum Problem, wird es teuer: Lösegelder, Arbeitsausfall, Arbeitsstunden der betreuenden Mitarbeiter, externe Krisenberater, lokale Experten, Rechtsgutachten, Reisekosten beziehungsweise Evakuierungskosten summieren sich schnell zu sehr hohen Kosten. Die Ausgaben für einen Notfalleinsatz sind meist um ein Vielfaches höher als die Kosten für die Krisenprävention.

Folgen für das Unternehmen

Wie sich eine schlechte Sicherheitsvorsorge im Unternehmen auswirken kann, verdeutlicht das Beispiel Entführung. Wird ein Mitarbeiter entführt, richten sich die Lösegeldforderung häufig gegen das Unternehmen. Direkt Betroffene – wie Geschäftsführung, Management und Kommunikationsabteilung – sind in dieser Zeit erheblich belastet. Das Unternehmen muss den Ausfall des Mitarbeiters kompensieren, der möglicherweise eine hoch qualifizierte Fachkraft mit Spezialkenntnissen ist. Und wenn die Entführung trotz Geheimhaltungspfl icht im Unternehmen bekanntwird, löst dies Ängste unter den Kollegen aus. Viele Mitarbeiter werden verstärkt ihre eigene Situation hinterfragen: „Was geschieht eigentlich, wenn mir etwas passiert?“ „Soll ich überhaupt noch in den Staat XY fliegen?“ Erkennen die Mitarbeiter in dieser Situation nicht das professionelle Fürsorgeverhalten des Arbeitgebers, wirkt sich dies negativ auf Arbeitsverhalten, Arbeitsleistung, Reise- und Umzugsbereitschaft aus.

Wie Unternehmen vorbeugen können

Unternehmen können auf vielen Ebenen ansetzen, um ihre Mitarbeiter (und deren Angehörige) vor gefährlichen Situation zu schützen.

  1. Personalauswahl: Die fachliche Kompetenz des Entsendepersonals ist leider häufig der einzige Parameter für die Personalauswahl. Dabei müssen Expatriates dem Auslandseinsatz physisch und psychisch gewachsen sein. Oft vergessen Unternehmen, dass die Familie, so sie denn mitzieht, der entscheidende Motivationsfaktor für die Leistung des Mitarbeiters ist. Haben die Angehörigen Angst, ist auch der Mitarbeiter blockiert. Erkennt das Unternehmen oder der Mitarbeiter vor der Verwendung, dass dieser Einsatz seine Kräfte und Möglichkeiten übersteigt, sollte die Entsendung besser unterbleiben.
  2. Ländersicherheit: Das Unternehmen muss die landestypischen Sicherheitsrisiken, kulturell-religiöse Besonderheiten, die politische Lage, das Rechtssystem, die Zuverlässigkeit der Behörden, die medizinische Versorgungslage und die Gesundheitsgefahren kennen. Dabei kann es auf kommerzielle Anbieter zurückgreifen, die in Online-Informationssystemen einen Überblick über Länder und Städte liefern, die Lage in den Ländern global oder kundenorientiert monitoren und das Unternehmen bei vorab definierten, kritischen Ereignissen warnen.
  3. Allgemeines Verhaltenstraining: Der Arbeitgeber sollte angehenden Expatriates und deren Familien Trainings anbieten, die das richtige Sicherheitsverhalten in Theorie und Praxis vermitteln. Zu den üblichen Inhalten gehören: Sensibilisierung für Gefahrensituationen, Verhalten auf Reisen (zum Beispiel Transportmittelsicherheit) und am Aufenthaltsort, Auftreten und Ausstrahlung, besondere Verhaltenstipps für Frauen, Angst- und Stressmanagement sowie Informationssicherheit.
  4. Spezialtrainings für bestimmte Länder sind je nach Einsatzort und Gefährdungsgrad der Destination geboten. Darunter fallen zum Beispiel Anti-Kidnap-Trainings, Fahrsicherheitsschulungen und sicherheitsspezifische Awareness-Trainings. 
  5. Sicherheitspersonal sollte hinzugezogen werden, wenn ein hohes Risiko für den Mitarbeiter oder dessen Angehörige besteht. Dabei sollten die Unternehmen renommierte Anbieter auswählen, die über langjährige Erfahrung im Zielland verfügen.
  6. Vor-Ort-Maßnahmen: Mitarbeiter benötigen eine sichere Unterkunft. Bei der Suche helfen Kontakte zu Botschaften, Behörden, anderen Unternehmen oder lokalen Sicherheitsdienstleistern. In unsicheren Ländern empfiehlt sich zudem ein Verhaltenstraining vor Ort: Wie verhalte ich mich auf der Straße, im Auto, am Bankautomaten, bei einem Überfall oder in einer Entführung?
  7. Evakuierungsplanung: In den letzten Flieger wollen immer alle! Operative Reaktionsstrategien sollten daher bereits im Vorfeld definiert werden: Bei welcher Bedrohungsstufe müssen Angehörige das Land verlassen, wann die Mitarbeiter? Auf welchem Weg können sie das Land verlassen?
  8. Krisenmanagement: Das Unternehmen muss für die entsendeten Mitarbeiter rund um die Uhr ansprechbar und reaktionsbereit sein. Die schlimmsten Szenarien müssen planerisch vorbereitet und im Krisenstab trainiert werden. Das Kernteam besteht in der Regel aus dem Leiter des Krisenstabes und den Funktionen Recht, Behörden, Kommunikation, Finanzen, unterstützt von einem Krisenberater.
  9. Versicherungen: Ja, gegen Entführungen kann man sich versichern; Lösegeld, gesundheitliche Wiederherstellung, Arbeitsausfall, Krisenberatung eingeschlossen. Unternehmen sollten sich versichern, aber anschließend nicht darüber reden.
  10. Sicherheitsdienstleister auswählen: Krisenberater unterstützen Unternehmen sowohl bei der Prävention von kritischen Ereignissen, wie auch bei deren Bewältigung. Den richtigen Partner zu finden, ist nicht leicht. Bei der Auswahl sollten Firmen darauf achten, dass der Dienstleister über ein enges Netzwerk an weltweiten Kontakten verfügt und dieses rund um die Uhr funktioniert.

Bei der Betreuung ihrer Expatriates zeigen Unternehmen, ob in ihrer Organisation wirklich der Mensch im Mittelpunkt steht, wie in vielen Wertekatalogen behauptet. Die Mitarbeiter an der „Auslandsfront“ werden es ihnen danken – oder auch nicht.

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