Mitarbeiter befragen: Wie Unternehmen psychische Belastungen messen können

man and woman laughing while sitting in front of laptops
Foto von You X Ventures

Barmherzige Brüder

Inwieweit Mitarbeiterbefragungen Veränderungen anstoßen können, zeigt das Beispiel der Barmherzigen Brüder. Der Orden, der Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime sowie andere soziale Einrichtungen betreibt, führte bereits 2008 in Zusammenarbeit mit Eucusa österreichweit eine Mitarbeiterbefragung durch, um die Zufriedenheit der insgesamt knapp 6.000 Beschäftigten am Arbeitsplatz zu evaluieren. Ziel war es, verschiedene, für die Organisation relevante Aspekte unter die Lupe zu nehmen – etwa die Arbeitssituation der Mitarbeiter, die Informations- und Kommunikationsprozesse, die Zusammenarbeit, die Führung und die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten. Im Konventhospital der Barmherzigen Brüder in Linz hat man sich mit den Ergebnissen besonders intensiv auseinandergesetzt. Romana Gabriel, dort verantwortlich für Personalmanagement und -entwicklung, berichtet: „Bei der ersten Befragung im Jahr 2008 hatten die Mitarbeiter noch Zweifel an der Anonymität. Doch nach den positiven Erfahrungen der ersten Befragung stieg die Beteiligung bei der nächsten Befragung deutlich“, so Gabriel. Während im Jahr 2008 noch 60 Prozent der Beschäftigten den Fragebogen ausgefüllt hatten, waren es 2012 bereits 80 Prozent der insgesamt 1.100 Mitarbeiter. Die Teilnehmer konnten erneut angeben, wie gut bestimmte Aussagen auf sie zutreffen – wie zum Beispiel „Ich habe den Eindruck, dass bei der Arbeit meine Meinung zählt“ oder „Ich werde bei ethischen Fragestellungen ausreichend unterstützt“. Diese und weitere Teilaspekte aus der letzten Mitarbeiterbefragung, die den Bereich Evaluierung psychischer Belastung abdecken, wurden in Linz nachträglich ausgewertet.


Abbildung 1 zeigt Ergebnisse der Befragung aus dem Jahr 2012. Die grün hinterlegten Zahlen entsprechen den Werten im Sinne der verwendeten Sechserskala, wobei 1 das bestmögliche und 6 das schlechtest mögliche Ergebnis ist. Die Zahlen in den grauen Kästen geben die Vergleichswerte aus dem Jahr 2008 wieder. Durchschnittlich erzielte das Unternehmen 2012 einen Wert von 2 (im Vergleich zu 2,2 im Jahr 2008). In der jüngsten Befragung werteten 75 Prozent der Mitarbeiter mit 1 oder 2, 21 Prozent mit 3 oder 4 und nur 4 Prozent mit 5 oder 6.

Nach der ersten Befragung im Jahr 2008 initiierte das Konventhospital in Linz einige abteilungsübergreifende Projekte, die auch Einfluss auf die psychische Belastung am Arbeitsplatz haben. Dazu gehörte beispielsweise das umfangreiche Vitalprogramm „Tu Dir gut!“ mit Angeboten zur Entspannung (zum Beispiel Yoga, Entspannungstechniken nach Jacobsen), zur Förderung der Bewegung (zum Beispiel Zumba, Step Aerobic) bis hin zu Kreativseminaren. Außerdem startete das Konventhospital ein neues Supervisionskonzept sowie eine strukturierte Krisenintervention, Erstere steht den Mitarbeitern im geplanten und Letztere im akuten Bedarfsfall zur Verfügung. Wesentliches Ziel aller Angebote ist, Belastungen im Berufsalltag vorzubeugen, diese zu reduzieren beziehungsweise zumindest die Möglichkeit der Reflexion zu bieten.

Nach der jüngsten Befragung aus dem Jahr 2012 legte man den Schwerpunkt auf abteilungsbezogene Aktivitäten. So entwickelten beispielsweise Krankenhausleitung und HR gemeinsam mit einzelnen Führungskräften und deren Teams individuelle Interventionskonzepte, die neben intern moderierten Teambesprechungen auch extern begleitete Team- und Führungscoachings vorsahen. So werden kritisierte Punkte entweder intern besprochen und gelöst oder mit externer Unterstützung bearbeitet.

Raiffeisen-Landesbank Tirol

In der Raiffeisen-Landesbank Tirol ist Gesundheitsmanagement schon länger ein Thema. Im Jahr 2011 wurde das Finanzinstitut als erste Bank in Westösterreich mit dem Österreichischen Gütesiegel für Betriebliche Gesundheitsförderung ausgezeichnet. Unter dem Motto „RLB Vital“ bietet die Bank ihren Mitarbeitern Vorträge, Einzelberatungen, Seminare und Workshops zu Gesundheitsthemen an. Es gibt Bewegungs- und Mentalkurse, „Vital-Coachings“ am Arbeitsplatz sowie Impfungen und Melanom-Screenings. Sogar ein hauseigenes Fitnesscenter ist vorhanden.

Im die gesetzliche Verpflichtung zur Evaluierung psychischer Belastungen zu erfüllen, entschied sich das Unternehmen, diese Aspekte in eine strategische Mitarbeiterbefragung zu integrieren. Diese brachte die RLB Tirol gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Eucusa auf den Weg. Es sollte sowohl das Engagement und die Zufriedenheit der Mitarbeiter als auch deren psychische Belastung am Arbeitsplatz abgefragt werden. „So haben wir die Pflicht mit der Kür verbunden“, berichtet Personalleiter Christoph Spöck.

Gemeinsam mit dem Betriebsrat und Mitarbeitern aus allen Unternehmensbereichen steckte die HR-Abteilung die Themen ab und entwickelte mithilfe von Eucusa einen Fragebogen. Dieser deckte alle inhaltlichen Bereiche ab, die das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) für die Evaluierung vorgibt:  „Arbeitsaufgaben und -tätigkeiten“, „Sozial- und Organisationsklima“, „Arbeitsumgebung“ sowie „Arbeitsabläufe und -organisation“. All diese Bereiche können sich – positiv oder negativ – auf die psychischen Belastungen der Mitarbeiter auswirken.

Der Fragebogen konfrontierte die circa 470 Mitarbeiter der Bank mit verschiedenen Aussagen zu ihrer Arbeitswelt, wie zum Beispiel „Auf die Unterstützung meiner ArbeitskollegInnen kann ich mich voll verlassen“ oder „Bei uns ist klar, wer welchen Verantwortungsbereich hat“. Auf einer Sechser-Skala konnten sie angeben, wie sehr sie mit diesen Aussagen übereinstimmen.

Da der Betriebsrat im Vorfeld Bedenken geäußert hatte, startete das Unternehmen vor der eigentlichen Mitarbeiterbefragung eine Umfrage zum Thema Vertraulichkeit, um Zweifel ausräumen zu können. Ergebnis: Die überwältigende Mehrheit der Mitarbeiter bevorzugte eine Onlinebefragung. Diese bewarb die Raiffeisen-Landesbank Tirol ebenfalls gemeinsam mit dem Betriebsrat über verschiedene Kanäle wie zum Beispiel E-Mail, Newsletter und die Mitarbeiterzeitung. So konnte im Herbst 2013 schließlich eine Rücklaufquote von über 75 Prozent erzielt werden.

„Die Ergebnisse ließen sich auf das gesamte Unternehmen, auf Bereiche, Abteilungen und Teams herunterbrechen, so dass wir pro Einheit aussagekräftige Ergebnisberichte und Handlungsportfolios erhielten“, berichtet Personalleiter Spöck. Die Ergebnisse bearbeitete das Unternehmen anschließend in Workshops. Darin sollten die einzelnen Teams, Abteilungen oder Filialen – ebenso wie der  Vorstandsbereich – mindestens drei Maßnahmen ableiten, die einem zentralen Monitoring unterliegen. „Diese Maßnahmen sind von Team zu Team völlig unterschiedlich und reichen zum Beispiel vom Ankauf von Blendschutz für Monitore über die Einführung von abteilungsübergreifenden Jours fixes bis zur Einführung eines Tags der offenen Tür, um Kollegen aus anderen Bereichen die Arbeit der eigenen Abteilung vorzustellen“, erläutert Spöck. Wenn erforderlich, zog das Unternehmen eine Arbeitsmedizinerin heran, um individuelle Lösungen zu finden.

Arthrex Austria

Auch die österreichische Niederlassung der Firma Arthrex – ein weltweit agierender Hersteller von Medizinprodukten – führt bereits seit Jahren Mitarbeiterbefragungen durch. Im Juli 2013 schloss das Unternehmen mit österreichischem Sitz in Wiener Neudorf nun die erste Befragung ab, die sich auch ganz speziell mit der Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz befasste. „Neben der Erfüllung gesetzlicher Verpflichtungen haben wir uns für die Evaluierung entschieden, um einen aktuellen Stand der Arbeitsplatzsituation unserer Mitarbeiter nachvollziehen zu können und gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen, um diese noch weiter zu optimieren“, so General Manager Harald Millenkovics.

„Insgesamt zeigte die Befragung ein sehr positives Ergebnis“, so Millenkovics. Die Mitarbeiterzufriedenheit entsprach dem Wert 1,5 auf der Sechserskala (Abbildung 2). Zudem habe die Befragung die Aufmerksamkeit der Mitarbeiter und Führungskräfte stärker auf das Thema psychische Belastungen gelenkt.

Hinweise für die Praxis

Doch was sollten Arbeitgeber beachten, wenn sie Mitarbeiterbefragungen für die Evaluierung psychischer Belastungen einsetzen möchten? „In der Praxis entscheidet derzeit der jeweilige Arbeitsinspektor, ob das gewählte Verfahren für eine Evaluierung geeignet ist“, sagt Harald Preyer, Gründer von Eucusa. Allerdings müssen die Fragestellungen geeignet sein – und die wichtigsten Quellen psychischer Belastungen abdecken. „Zu empfehlen ist es, im Vorfeld einen kurzen Workshop mit dem regionalen Arbeitsinspektor, dem jeweiligen Arbeitsmediziner beziehungsweise Betriebsarzt sowie dem Projektleiter für die Mitarbeiterbefragung abzuhalten“, ergänzt Preyer. Unternehmen sollten den Arbeitsinspektor möglichst früh über die Entwicklung und Anwendung des jeweiligen Instrumentes informieren. Denn je nach Unternehmen sind unterschiedliche Instrumente optimal.

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Quelle:
personal manager 4 | 2014 | www.personal-manager.at

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