two smiling woman inside room
Foto von AllGo – An App For Plus Size People
Herr Veen, die Net Generation hat viele Namen: Millennials, Generation Y, Digital Natives oder wie Sie sagen, Homo Zappiens. Egal welche Bezeichnung wir wählen, was zeichnet diese Gruppe an jungen Menschen aus?

Sie macht vor allem keinen Unterschied zwischen der virtuellen und der physischen Welt – ganz anders als meine Generation. Freunde im Netz und im persönlichen Umgang sind für sie das Gleiche. Die Homo Zappiens wissen zwar, dass sie einen virtuellen Freund nicht anfassen und ihm nicht in die Augen schauen können – von dem Einsatz einer Webcam einmal abgesehen –, aber virtuelles Netzwerken ist einfach ein wichtiger Teil ihres Lebens. Ein weiteres Merkmal dieser Generation: Ihre Vertreter gehen davon aus, dass ihr Netzwerk alle Fragen beantwortet. Es ist ihnen nicht peinlich zu fragen und sie teilen Erfahrungen und Inhalte. Ältere Menschen haben oft noch gelernt, dass man das, was man weiß, für sich behält, um daraus einen Wettbewerbsvorteil zu ziehen.

Lässt sich eine Gruppe junger, internetaffiner Menschen so klar abgrenzen? Schließlich gibt es auch Studenten, die wenig im Netz unterwegs sind, und Ältere, die sich in sozialen Netzwerken tummeln.

Das stimmt in der Tat. Wenn ich von einer Generation spreche, wissen wir selbstverständlich, dass jede Gruppe eine Gaußkurve hat. Es gibt sehr viele Ausnahmen. Nur weil jemand jung ist, hat er noch lange nicht bestimmte Merkmale. Aber eines lässt sich schon erkennen: Kinder, die jünger als zwölf sind, weisen schon häufiger die beschriebenen Kennzeichen auf als junge Erwachsene um die zwanzig.

Lernt die junge Generation auch anders als beispielsweise die Babyboomer?


Ich glaube nicht, denn Menschen lernen seit Jahrhunderten gleich. Technologien haben uns zwar dazu gezwungen in einem bestimmten Rahmen zu lernen. Aber so wie die Babyboomer Bücher genutzt haben, lernen neue Generationen eben mit den Internet-Technologien. Diese neuen Technologien erlauben jedoch teilweise mehr natürliches Lernen, da die Nutzer damit leichter spielerisch umgehen können. Hinzu kommt, dass Kenntnisse und Wissen heute viel weiter verstreut zu finden sind – in verschiedensten Dokumenten und den Köpfen der Menschen. Deshalb lernen die Jüngeren nicht mehr linear.

Inwiefern nutzen Unternehmen diese Internet-Technologien schon für das Lernen?

Die meisten Unternehmen machen sich langsam auf den Weg. Aber wenn ich mir die E-Learning-Kurse ansehe – etwa von Versicherungen – dann fällt mir auf, dass sich das noch sehr an analogen Technologien orientiert. Wenn man sich da selbst durchklicken kann, vielleicht einen kleinen Videoclip oder eine Animation angeboten bekommt, dann sieht das zwar hübsch aus, entspricht aber immer noch dem althergebrachten Lernprinzip: Es ist angebotgesteuert und nicht fragegesteuert.

Wie könnten Unternehmen E-Learning besser gestalten?

Das Lernen muss im Betrieb stark arbeitsplatzorientiert sein. Die Mitarbeiter sollten in dem Augenblick lernen, in dem sie etwas einsetzen können. Außerdem ist es effektiver, mit anderen zusammen zu lernen. Unternehmen sollten die Lerninhalte also arbeitplatzbezogen, zeitnah und interaktiv vermitteln – und dazu eignet sich ein Trainingscenter eher weniger. Der Netzwerkcharakter des Web 2.0 kann dabei aber sehr nützlich sein.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir haben für Lastwagenfahrer ein neues Lernkonzept entwickelt, das wir Microtraining nennen. Die Lastwagenfahrer haben die zugehörigen Module selbst aufgebaut und nutzen sie, wenn sie sie gerade brauchen. Wenn also beispielsweise ein Lastwagenfahrer an der Grenze nach Kasachstan ankommt und Formulare für den Grenzübertritt ausfüllen muss, dann kann er das Modul „Grenze Kasachstan“ aufrufen und erfährt, was er tun muss. Er hat das vielleicht irgendwo schon einmal gehört oder gelernt, aber gleich wieder vergessen.

Wo ist dabei der Netzwerkcharakter?

Die Module haben die Lastwagenfahrer gemeinsam entwickelt. Sie haben darüber gesprochen und sich ausgetauscht. Wenn Lastwagenfahrer A seine Herangehensweise einbringt, dann hat Lastwagenfahrer B unter Umständen eine ganz andere Lösung. Im Austausch haben sie die beste Möglichkeit ausgewählt, so dass die Abläufe möglichst gut und schnell vonstatten gehen.

Und wie könnte das aussehen, wenn es für ein Problem noch keine Lösung gibt?

Bei IBM haben wir ein Modul entwickelt, mit dem Mitarbeiter Probleme lösen sollen. Sie bekamen beispielsweise den Auftrag, eine neue Infrastruktur für die türkische Telekom aufzubauen. Bevor es unser Modul gab, arbeitete daran ein Team aus fünf Mitarbeitern. Aber die wussten nicht unbedingt alles, was nötig war. Darum haben wir ein Instrument gebaut, mit dem sie Kenntnisse von Kollegen einbeziehen und überhaupt erst die richtigen finden konnten. Das Netzwerk hat sich von dem Kernteam aus fünf Personen auf dreißig bis vierzig ausgebreitet und jeder hat etwas eingebracht. Das ist auch eine Form des Lernens.

Und diese Art des Lernens funktioniert für alle Generationen?

Ja, aber trotzdem müssen sie berücksichtigen für welche Altersgruppe sie bestimmte Lernumgebungen konzipieren. Menschen über 35 haben Probleme damit, wenn sie mit jemand zusammenarbeiten müssen, den sie nicht sehen können – etwa mit einem Avatar im virtuellen Raum. Ältere verzetteln sich auch leichter anstatt ihr Netzwerk zu fragen, wie das Jüngere tun.

Homo Zappiens konzentrieren sich, wie der Name schon sagt, nicht nur ungedingt auf eine Sache. Sie tun Vieles gleichzeitig. Kann Multitasking das Lernen hemmen?

Aus der Forschung wissen wir, dass man zumindest länger braucht, um den gleichen Lerneffekt zu erreichen. Für die Arbeitswelt ist es nützlich vier oder fünf Informationsflüsse parallel beherrschen zu können. Aber wirklich gleichzeitig können wir diese Prozesse nicht verarbeiten, denn wir müssen dazwischen immer hin und her schalten. Diese Schaltungen sind vorteilhaft für die Arbeitswelt, aber nicht fürs Lernen.

Kollaboration im Web 2.0 hat also nicht nur positive Lerneffekte. Experten wie zum Beispiel der amerikanische Informatiker Jaron Lanier warnen davor, dass die Weisheit der Massen uns alle immer gleicher mache und individuelle Erfindungen rar würden. Inwiefern produzieren die Vertreter der Generation Y dadurch nur noch Mittelmaß?


Zum einen enthält eine Masse immer auch hochintelligente Individuen. Die Intelligenz ist also in der Masse enthalten. Zum anderen gibt es derzeit eine neue Entwicklung, die dem Gleichmachen im Internet entgegensteuert: sogenannte Reputationssysteme. Auf Webseiten wie alatest, wo Produkte evaluiert werden, gibt es beispielsweise Experten- und Nutzerviews. Dadurch soll der User eine Vorstellung davon bekommen, welchen Wert diese Information und damit auch eine Person hat. Das Interessante dabei: Expertenmeinungen sagen fast immer das Gleiche wie die Einschätzung der Nutzer.

Inwiefern können Personalverantwortliche solche Bewertungs- und Reputationssysteme dennoch nutzen, wenn sie zum Beispiel das Potenzial ihrer Mitarbeiter für eine Führungsposition erkennen möchten?


Es kann schon spannend sein zu beobachten, wie sich jemand in einem Netzwerk bewegt. Das ist ein Teil dieser Reputationssysteme, dass man sieht, wie ein Mitarbeiter agiert – auch über Jahre. Wo hat er sich beteiligt, was hat er gemacht, wie war die Qualität seiner Beiträge. Das kann sehr weit gehen, wie zum Beispiel auf der Website „meta stackoverflow“ (http://meta.stackoverflow.com), die über Diskussionen im Internet, ihre Teilnehmer und ihren Stil berichtet.

Junge Menschen nutzen auch immer häufiger das mobile Internet. Um auf diesem Weg Lerneffekte zu erzielen, müssen die Einheiten kleiner sein – und vielleicht auch oberflächlicher. Inwiefern sehen Sie darin eine Gefahr?


Überlegen Sie mal, was Sie in zwei Minuten lernen können. Wahrscheinlich werden Sie Nietzsches Philosophie in der Zeit nicht grundlegend verstehen. Aber im Unternehmen braucht man im Normalfall nicht so tiefgehend zu lernen. Die meisten Mitarbeiter haben eine mittlere Ausbildung – nur rund zwanzig Prozent kommen von der Universität. Außerdem kann man heute in zwei Minuten so viel lernen wie in einer Stunde im traditionellen Klassenzimmer, weil jemand Vieles erklärte, was die Lernenden vielleicht gar nicht alles brauchten.

Wenn Sie fünf Jahre vorausschauen: Sehen Sie in Bezug auf die Lernstrategien der jüngeren Generation mehr Chancen oder mehr Risiken?

Die Chancen sind größer als die Gefahren. Wissenschaftlich belegen lässt sich das zwar nur schwer, denn sobald jemand etwas erforscht, hat sich die Technologie schon wieder ein Stück weiter entwickelt. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass junge Menschen neuen Technologien fast immer zum Durchbruch verholfen haben. Sokrates etwa wollte den Gebrauch von Büchern zum Lernen verhindern. Es ist normal, dass neue Technologien Ängste hervorrufen, gerade deshalb sollten wir uns lieber auf die Vorteile konzentrieren.


Interview: Stefanie Hornung