Handlungsbedarf bei gerechter Bezahlung

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Foto von Lauren Mancke

Obwohl Mädchen in der Schule oftmals bessere Ergebnisse erzielen als Männer und mehr Frauen beim Berufseinstieg einen Hochschulabschluss vorzuweisen haben, werden die Kompetenzen von Frauen anscheinend nicht entsprechend gewürdigt. „Das Lohngefälle ist ein kompliziertes Phänomen, das zahlreiche Ursachen hat“, betonte der Sozialkommissar Vladimír Špidla am 18. Juli 2007 bei der Präsentation der Studie. Die Gründe reichen laut Špidla von einer offen Diskriminierung bis hin zu verdeckten Ungleichbehandlungen.

Ursachenforschung

Zu den weniger sichtbaren Ursachen zählt der EU-Kommision zufolge die Tatsache, dass Frauen in größerem Umfang unbezahlte Arbeit leisten. Nicht selten bleiben die Haushaltsführung und die Pflege von Angehörigen den Frauen vorbehalten. Ferner arbeiten sie häufiger in Teilzeit oder verdienen aufgrund ihrer Berufswahl weniger: Von Frauen dominierten Bereiche liegen auf einem niedrigeren Niveau der Lohnskala. Trotz vergleichbarer Qualifikationen oder Erfahrungen werden im Allgemeinen genau die Jobs schlechter bezahlt, die überwiegend von Frauen besetzt sind. Die Aufgaben eines Lagerarbeiters und einer Kassiererin in einem Supermarkt sind im Bezug auf Qualifikation und Routine vergleichbar, doch es sind die Lagerarbeiter, die besser bezahlt werden. In vielen Ländern erhalten Erzieherinnen weniger Lohn als Kraftfahrzeugmechaniker oder Krankenschwestern weniger als Polizisten.

Das Lohngefälle ist außerdem Ausdruck von Ungleichheiten bei der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Frauen nehmen bei der Arbeit in stärkerem Maße Teilzeitvereinbarungen in Anspruch. Wenn sie eine Familie gründen, erleben sie häufiger Brüche in ihrer Berufslaufbahn. Die berufliche Entwicklung leidet darunter: Laut einer kürzlich im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und des Bundesfamilienministeriums veröffentlichten Studie liegt Deutschland insbesondere bei der Beschäftigung von Müttern mit Kindern unter fünf Jahren zurück. Während in Portugal, den Niederlanden, Bel¬gien, Frankreich und Österreich sowie Großbritannien über 60 Prozent der Mütter mit kleinen Kindern angestellt sind, arbeiten in Deutschland lediglich 44,3 Prozent. Doch gerade Länder, die Müttern die Berufstätigkeit erleichtern, verfügen – so die Studie – über eine höhere Geburtenrate. Neben Deutschland fällt es anscheinend vor allem den südeuropäischen Staaten mit ihrem traditionellen Rol¬lenverständnis schwer, die Konflikte zwischen Berufstätigkeit und Elternschaft zu lösen.

Die EU-Untersuchung hebt ferner hervor, dass Frauen insbesondere bei der Besetzung von Führungspositionen im Nachteil sind. In ihrer beruflichen Entwicklung stoßen Frauen häufiger auf Widerstände als Männer, so dass ihre Karriere langsamer verläuft. Das wirkt sich auf den Verdienst aus: Die EU beruft sich auf Statistiken, nach denen das Lohngefälle mit zunehmendem Alter, besserer Ausbildung und längerer Betriebszugehörigkeit zunimmt. So beträgt beispielsweise der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen in der Altersgruppe der 50 bis 59-Jährigen mehr als 30 Prozent und nur 7 Prozent bei Menschen, die jünger als 30 Jahre alt sind.

Pflicht zur Babypause für Väter?

„Diese absurde Situation muss sich ändern“, fordert Vladimír Špidla. Das sei im Sinne der Europäer: Aus einer Eurobarometer-Umfrage von Januar 2007 gehe hervor, dass die Europäer in ihrer großen Mehrheit der Ansicht seien, dass Unternehmen mehr Frauen in Führungspositionen beschäftigen sollten. 68 Prozent der Europäer gaben dabei an, dass familiäre Aufgaben für Frauen ein Hindernis darstellten, das ihnen den Zugang zu Führungspositionen versperre.

Männer entziehen sich gemäß den Studienergebnissen häufiger dem Haushalt und der Kindererziehung. Vor diesem Hintergrund verhandelt Špidla derzeit mit Gewerkschaften und Arbeitgebern über einen allgemeinen Vaterschaftsurlaub. Das könnte unter Umständen dazu führen, dass die Babypause für Männer zur Pflicht wird, auch wenn das bislang nicht als wahrscheinlich gilt. Außerdem sieht der Sozialkommissar vor, bestehende Rechtsvorschriften wie die EU-Richtlinie, die eine gleiche Bezahlung für Männer und Frauen vorsieht, zu verschärfen. Ein weiterer Ansatz könne sein, vorbildliche Konzerne etwa mit einem Logo herauszustellen, ergänzte Špidla.

Mit seinen Forderungen hat der Sozialkommissar der EU eine breite Debatte in der Bundesrepublik ausgelöst. Neben Politikern wie dem frauenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer, der angesichts des Lohngefälles von einem Skandal spricht, und der FDP-Bundestagsabgeordneten Ina Lemke, die die Kinderbetreuung in Deutschland kritisierte, meldeten sich die Gewerkschaften zu Wort: Noch immer förderten Männer vor allem Männer. In einem Punkt sind sich dabei alle einig: Die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern ist, wie die EU-Kommission betont, angesichts des latenten Fachkräftemangels eine „inakzeptable Ressourcenverschwendung“.

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