Gesundheit wird zum Konjunkturmotor

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Foto von Austin Distel

Herr Nefiodow, die Konjunktur hat an Fahrt verloren, und die Angst vor einer globalen Rezession geht um. Wie sieht Ihre Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung der nächsten Monate aus?

Was wir zurzeit erleben, ist nichts Ungewöhnliches. Denn die Marktwirtschaft kennt keinen Stillstand – und auf jeden Aufschwung folgt ein Abschwung. Die Konjunkturforschung unterscheidet kurze, mittlere und lange Konjunkturzyklen. Zurzeit befinden wir uns am Ende eines mittleren Zyklus, eines sogenannten Juglar-Zyklus, der im Jahr 2001 begann. Es sieht so aus, als würde dieser noch in diesem oder spätestens im nächsten Jahr zum Abschwung kommen. Doch uns erwartet nur eine kleine Rezession und keine große Krise.

Sie beschäftigen sich vor allem mit den langen Konjunkturbewegungen. Was löst diese „Kondratieff-Zyklen“ aus?

Auslöser sind bahnbrechende Erfindungen, die wir Basisinnovationen nennen. Ein Beispiel ist der Computer. Er hat den fünften Kondratieff ausgelöst, der die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte. Die Erfindung des Computers hat aber nicht nur die Wirtschaft, sondern die ganze Welt verändert. Der fünfte Kondratieff war übrigens eine der wichtigsten Ursachen für den Zusammenbruch des kommunistischen Systems, denn die kommunistischen Parteien waren nicht willens, den freien Fluss von Informationen zu erlauben, und haben damit den fünften Kondratieff in ihrem Herrschaftsbereich blockiert. Wer an einem Kondratieff-Zyklus nicht angemessen teilnimmt, verliert den Anschluss.

Sie sagen, das Zeitalter des Computers geht allmählich zu Ende. Was kommt danach?

Kondratieff-Zyklen dauern rund 50 Jahre. So lange dauert es, das Nutzenpotenzial der Basisinnovationen auszuschöpfen. Der fünfte Kondratieff begann mit der ersten Computergeneration in den frühen 1950er-Jahren und ist mit dem Jahrhundertwechsel zu Ende gegangen. Im sechsten Kondratieff, der sich seit Ende der 1990er-Jahre abzeichnet, wird die ganzheitliche Gesundheit mit den Schwerpunkten Biotechnologie und psychosoziale Gesundheit zum beherrschenden Wirtschaftsfaktor.

Woran zeigt sich das?

Das zeigt sich an den Merkmalen, mit denen sich jeder Kondratieff identifizieren lässt: zum Beispiel an den Ausgaben für Forschung und Entwicklung, zum Beispiel an den neuen Arbeitsplätzen, zum Beispiel am wachsenden Bedarf nach Gesundheit. Im fünften Kondratieff wanderten die Investitionen überwiegend in Richtung Informationstechnik, im sechsten Kondratieff wandern sie in Richtung ganzheitliche Gesundheit. Die amerikanische Bundesregierung zum Beispiel investiert inzwischen mehr als 50 Prozent ihrer Forschungs- und Entwicklungsförderungen in Gesundheitsthemen, und jeder zweite neue Arbeitsplatz zwischen 2001 und 2007 in den USA ist im Gesundheitssektor entstanden.

Das mag in Amerika so sein. Aber gilt das auch für den Rest der Welt?

In Amerika zeigen sich langfristige Trends früher als woanders, im positiven oder negativen Sinn, weil die Märkte dort freier sind und die neuen Kräfte sich leichter artikulieren können. Aber die anderen entwickelten Nationen ziehen heute schnell nach. Die Zyklen verlaufen mittlerweile in den entwickelten Ländern fast gleichzeitig, weil die Wirtschaft weltweit eng vernetzt ist.

Wie wandelt sich die Arbeitswelt im sechsten Kondratieff, an dessen Beginn wir gerade stehen?

Früher waren es Fachkompetenz und Kapital, in Zukunft wird die innere Gesundheit des Betriebes mehr und mehr zu einem mitentscheidenden Wettbewerbsfaktor. Für die Betriebe geht es darum, gesunde Verhältnisse im Inneren und zu den externen Partnern und Kunden aufzubauen. Das heißt vor allem, die Gesundheit der einzelnen Mitarbeiter und gesunde Beziehungen zwischen den Beschäftigten zu schaffen. Gesundheit ist dabei ganzheitlich gemeint. Schon heute achten viele Unternehmen bei der Einstellung zum Beispiel vermehrt auf die sozialen und psychischen Kompetenzen der Bewerber.

Warum gewinnen psychosoziale Kompetenzen an Bedeutung?

Weil sich in der Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten etwas ganz Wesentliches geändert hat. Früher war die wichtigste Schnittstelle im Betrieb die zwischen Mensch und Maschine. Heute heißt die wichtigste Schnittstelle „Mensch-Mensch“. Unternehmen erledigen Arbeiten zunehmend in Gruppen, in Abstimmung mit Kollegen und Kunden – und das lokal, regional und international. Die betriebliche Produktivität hängt zunehmend davon ab, wie der einzelne Mitarbeiter mit sich selbst und mit anderen umgeht.

Wie ändern sich vor diesem Hintergrund die Aufgaben der Personalverantwortlichen?

Die Möglichkeiten der Personalverantwortlichen werden aus meiner Sicht unterschätzt. Personalarbeit sollte viel gezielter nach den Bedürfnissen des jeweils aktuellen Kondratieff- Zyklus ausgerichtet werden. Im fünften Zyklus beispielsweise, dem Computerzeitalter, ging es darum, gute Informationsfl üsse zu gewährleisten. Daher war es besonders wichtig, die hierarchischen Organisationsformen abzufl achen und neue Formen der Mitwirkung zu entwickeln, denn die strenge Hierarchie verhindert gute Informationsfl üsse und unbürokratische Zusammenarbeit. Heute geht es darum, gesunde Beziehungen im Betrieb zu schaffen und die psychosoziale Gesundheit der Mitarbeiter zu fördern. Das verlangt zum Beispiel eine intensivere Beschäftigung mit neuen grundlegenden Fragen wie: Was ist Gesundheit? Was ist psychosoziale Gesundheit? Wie kann man ein gesundes Betriebsklima aufbauen?

Und wie entsteht ein solches Klima?

Die medizinischen, psychologischen und soziologischen Forschungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass die Humanwissenschaften alleine das nur begrenzt leisten können. Das bestmögliche Betriebsklima kann über den authentischen christlichen Glauben erreicht werden, weil die praktizierte Gottes- und Nächstenliebe die Spannungen und Feindschaften zwischen den Menschen aufl öst und an der Schnittstelle Mensch-Mensch – die zukünftig wichtigste Schnittstelle im Betrieb – freie, kooperative und solidarische Beziehungen gewährleistet. Das gilt übrigens auch für die Volkswirtschaft als Ganzes. Die derzeitige Finanzkrise illustriert ganz gut, was herauskommt, wenn Führungskräfte sich gegenüber Gott nicht verantwortlich fühlen. Leider haben wir uns in Europa sehr weit von diesem Glauben entfernt. Amerikanische Großkonzerne beschäftigen rund 4.000 Geistliche, um Spannungen und Frust in den Betrieben abzubauen. Warum fürchten wir uns, etwas Ähnliches zu tun? Warum begnügen wir uns mit zweit- und drittbesten Lösungen, wenn die beste Lösung jederzeit verfügbar wäre?

Ändern sich auch die Anforderungen der Mitarbeiter an die Personalführung?

Es gibt eine Untersuchung von Texas Instruments, die der Frage nachgeht, wie Unternehmen die Arbeitsproduktivität von Spitzenfachleuten verbessern können. Sie kommt zu dem Ergebnis: Im Betrieb sind die Möglichkeiten relativ gering. Die größten Einfl ussfaktoren auf die Produktivität liegen außerhalb der Unternehmen, also im privaten Bereich. Hier könnte die Personalführung den Mitarbeitern auf freiwilliger Basis viel Gutes antun.

Das heißt, Personalführung sollte individueller auf den Einzelnen eingehen?

Ja, der heilige Benedikt hat ein Buch über die Ordnung in den Klöstern geschrieben. Benedikt schreibt, „Wenn ein Bruder im Kloster versagt, dann hat nicht er versagt, sondern der Abt.“ Warum? Weil der Abt die Fähigkeit der discretio, also der Unterscheidung, nicht gelebt hat. Er hat die individuelle Begabung nicht richtig erkannt und den Bruder falsch eingesetzt. Eine Führungskraft sollte in Zukunft gute Menschenkenntnis besitzen, um jeden Mitarbeiter gemäß seinen individuellen Möglichkeiten an der richtigen Stelle einzusetzen.

Was erwartet uns nach dem sechsten Kondratieff? Gibt es schon erste Entwicklungen, die sich abzeichnen?

Nein, denn die Innovationen, die den siebten Kondratieff-Zyklus auslösen werden, zeigen sich nicht so frühzeitig. Niemand hätte zum Beispiel am Anfang des vierten Kondratieffs geahnt, dass es irgendwann mal einen elektronischen Computer als Träger des fünften Kondratieffs geben wird. Thomas Watson, der in den 1940er-Jahren Präsident von IBM war, hat ganz am Anfang der Computerära den weltweiten Bedarf von Computern auf fünf geschätzt. Und zu Beginn der Automobilära ging man davon aus, dass der weltweite Bedarf für Autos bei einer Million liegt. Begründung: Das ist die höchste Zahl an Chauffeuren, die man sich wird erlauben können. Man kann die Veränderungen, die im Laufe eines Kondratieff-Zyklus hochkommen werden, nie genau und vollständig voraussagen. So ist es auch mit dem sechsten Kondratieff: Das Thema ganzheitliche Gesundheit hat ein unendliches Potenzial. Da stehen uns in den nächsten fünfzig Jahren noch viele Überraschungen bevor.

Interview: Bettina Geuenich

Literaturtipp
Der sechste Kondratieff. Von Leo A. Nefiodow.
6. Aufl., Rhein-Sieg-Verlag 2007.

Quelle: personal manager 6/2008

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