„Es wird zu viel gemanagt und zu wenig geführt.“

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Foto von bruce mars

Sie haben bisher rund sechs Managementratgeber verfasst und halten viele Seminare und Vorträge. Auf der PERSONAL2009 trägt Ihr Vortrag den Titel „Die 10 Gebote für den erfolgreichen Unternehmer“. Sind Sie so etwas wie der liebe Gott für Manager?

Bestimmt nicht. Gerade so gravierende und ehrenwerte Vergleiche würde ich niemals für mich beanspruchen. Die 10 Gebote sind eine schöne Metapher für das Führen mit Werten und zeigen treffend, worum es beim Thema Ethik in der Unternehmensführung geht.

Einen christlichen Hintergrund hat Ihre Moral dann aber nicht?

Zwischen den Zeilen vielleicht schon. Ich schätze das Christentum neben dem Glauben als Wertesystem, das uns gesellschaftlich miteinander verbindet. Es wäre fahrlässig, diese Werte an den Rand zu drängen, denn sie haben über Jahrhunderte unsere Gesellschaft geprägt. Meine Arbeit besteht auch darin, vorhandene, Wertesysteme wieder neu für Unternehmen zu entdecken. Das Management muss das Rad nicht immer neu erfinden – viele wesentliche und wertvolle Dinge wurden bereits oft gedacht und im Alltag wieder vergessen. Wertesysteme wie die 10 Gebote, die sieben Kardinalstugenden oder auch die sieben Todsünden unterliegen alle nicht der Mode. Doch sie werden immer noch gelebt und haben Konsequenzen – positive oder negative.

Welchen Einfluss haben Werte in der Führung von Menschen?

Nehmen Sie zum Beispiel die aktuelle Krise. Wer daran schuld war und was dazu geführt hat, möchte ich gar nicht im Detail beurteilen. Aber eine Grundlage ist der Wert Gier gewesen, also eine der sieben Todsünden, die wir bereits seit hunderten von Jahren als solche kennen. Gier führte zu dem materiellen und existenziell bedrohenden Zustand, den wir derzeit erleben. Wenn Sie das auf das einzelne Unternehmen herunterbrechen, können Sie erkennen, wie maßgeblich Werte für die erfolgreiche oder weniger erfolgreiche Entwicklung eines Unternehmens sind.

Ist Führung in der Krise besonders gefragt?

Wie wichtig Führung ist, wird in guten wie in schlechten Zeiten deutlich. Nur sind Werte gerade in schwierigen Situationen noch wichtiger. Betrachten Sie beispielsweise die Botschaft des amerikanischen Präsidenten, der ja Amerika oder gar die ganze Welt aus der Krise führen soll. Er zeigt, wie Führungsstärke mit positiven Werten funktioniert: „Yes we can!“ Offensichtlich wirkt hier „Hoffnung“, eine der sieben Kardinaltugenden, die nichts mit Schönfärberei zu tun hat, aber mit mutigem und mit leidenschaftlichem Engagement für die Zukunft.

Helfen Werte wie Hoffnung, wenn es um Personalabbau geht oder ist da nicht eher eine harte Hand gefragt?

Ich bin ein Vertreter des „Und“ und nicht des „Oder“. Es braucht gelebte Hoffnung und trotzdem müssen wir uns vielleicht von einigen Personen, wenn auch nur temporär, trennen, wenn das Bestehen des Unternehmens auf dem Spiel steht. Aber die Hoffnung, wir bekommen unser Unternehmen wieder in einen guten Zustand, werden wachsen und Personal einstellen, obwohl wir das Unternehmen neu ordnen mussten, die sollte die Unternehmensführung schon vermitteln.

Inwiefern unterscheidet sich die momentane Krisensituation von anderen Veränderungssituationen?

Die Dimension und Dramatik ist eine andere – vielleicht um ein paar Zehnerpotenzen größer. Doch auch in weniger schwierigen Zeiten hat ein Unternehmen kleinere und größere Konflikte. Um richtig zu reagieren, muss zunächst jedoch klar sein, ob es dabei um Führung oder um Management geht.

Was ist für Sie der Unterschied?

Wenn ich das Unternehmen als Metapher auf den Menschen übertrage, dann hat jede Organisation eine Seele und einen Körper. Das Management adressiert den Körper eines Unternehmens, das Materielle, die konkreten Ziele, die Organisation und die ökonomische Dimension. Es wirkt auf Ergebnisse und Leistung. Führung ist hingegen die Seele eines Unternehmens. Das ist die Dimension der Werte, der Ethik und der sozialen Kompetenz. Führung wirkt auf Menschen. Sie können Menschen nicht managen, sondern nur führen.

Sie haben es in ihrer Praxis ja vor allem mit den Problemen im Mittelstand zu tun. Was sind die Unterschiede zu Großunternehmen?

In der Vergangenheit habe ich sehr große Unternehmen beraten. Dabei ist das Managementmodell in einem weltweit agierenden Konzern ein ganz anderes als bei einer mittelständischen Firma, selbst wenn sie über Ländergrenzen hinweg aktiv ist. Doch die Art und Weise, wie ich mit den Menschen umgehe und kommuniziere, ist nahezu die gleiche. In der Führungsdimension gibt es zumindest wesentlich mehr Parallelen als Unterschiede.

Doch anscheinend fehlt es deutschen Unternehmen gerade an Führungskompetenz. Zumindest kam der Engagement Index des Gallup-Institutes zu dem Ergebnis, dass sich die Mitarbeiter vor allem wegen ihrer direkten Vorgesetzten kaum an das Unternehmen gebunden fühlen.

Es wird zu viel gemanagt und zu wenig geführt. Aktivierendes Motivieren ist ganz eindeutig ein Element der Führung. Eine Vorstufe ist die Zufriedenheit. Sie hängt in großen Maße von der eigenen Gesundheit ab und zwar in dem Sinne, wie das die Weltgesundheitsorganisation definiert: Körperliches, geistiges und seelisches Wohlbefinden. Nach diesem Verständnis beeinflussen also auch die Bezahlung und andere Rahmenbedingungen die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Wenn ich hierbei einige Hausaufgaben gemacht habe, kann ich einen Schritt weitergehen und motivieren, indem ich geistig integriere: Mitarbeiter sind motiviert, wenn sie mitgestalten und mitwirken dürfen. Begeisterung ist die höchste Stufe. Sie entsteht durch die Vermittlung von Sinn. Wenn Vorgesetzte wirklich Vorbilder sind und ihre Visionen vorleben, dann ist das die Vorraussetzung für ein begeistertes Team. Auf der anderen Seite müssen die Mitarbeiter dafür auch immer ein Stück Eigenmotivation mitbringen. Wenn diese Einstellung nicht da ist, kann auch die Führungskraft die Menschen nicht zurechtbiegen.

Worauf sollten Führungskräfte achten, wenn es um die körperliche Zufriedenheit, also auch um die Gesundheit der Mitarbeiter, geht?

Nicht nur der Leistungsdruck ist heute sehr hoch. Wir leben in Hochgeschwindigkeitsmärkten, die den Menschen sehr viel abverlangen. Beschäftigte sind überall per Handy erreichbar, schreiben und empfangen Mails, sind Tag und Nacht im Einsatz. Als Arzt kann ich Ihnen dazu sagen: Wir haben einen Reservetank – körperlich und psychisch. Diesen Reservetank können wir immer anzapfen. Nur wenn der mal alle ist, haben wir ein richtiges Problem und werden krank – entweder somatisch, also organisch, oder eben psychisch.

Sie sprechen vom Burnout-Syndrom.

Ja, aber es gibt auch eine Vorstufe: die Arbeitssucht. Jemand, der leistungsbereit in der Arbeit ist, kann ein paar Jahre wertvoll sein für eine Firma, doch dann scheidet er oftmals aus. Damit ist einem Unternehmen natürlich gar nicht geholfen, denn es verliert jemanden mit großer Erfahrung und Kompetenz. Deshalb ist Nachhaltigkeit ein wichtiger Wert – nicht nur in der Ökologie, sondern auch in der Ökonomie. Nachhaltigkeit bedeutet hier, die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu erhalten.

Wie können Sie Menschen besser dabei helfen, gesundheitliche Potenziale zu erkennen – als Arzt oder als Unternehmensberater?

Eher mit der Kombination von beidem. Auf der einen Seite erreiche ich mit meinen Unternehmerseminaren die Unternehmer und kann sie überzeugen, für ihre Mitarbeiter etwas zu tun. Auf der anderen Seite gehen wir mit unserem Checkup-Mobil direkt auf die Mitarbeiter in Unternehmen zu – zum Beispiel auf Mitarbeiter an der Kasse. Dabei kann ich als Arzt natürlich sehr praktische Werkzeuge anbieten und hilfreiche Tipps geben. Gerade durch diese Doppelfunktion und Kombination meiner Kompetenzen erreiche ich viel für die Gesundheit von Menschen.

Interview: Stefanie Hornung

Vortrag „Die 10 Gebote für einen erfolgreichen Unternehmer”
Am Mittwoch, 25. März 2009, 12.50 – 13.35 Uhr,
im Forum 1 der PERSONAL2009, M,O,C, München

Sebastian Ofer

Chefredakteur bei HRM Research Institute

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