Digital! Was ist das eigentlich? Und für HR?

unknown persons using computer indoors
Foto von Arlington Research

HR! Bitte in den Regieraum … 

Es ist selbstredend, dass die Digitalisierung für HR gesonderte Regieaufgaben bedeutet: Im Falle automationsgetriebener Tendenz wird beispielweise Leistung noch mehr controlled werden müssen. Themen wie Motivation, Retention, Personaleinsatzplanung bekommen eine andere Dimension. Im Falle alternativer Digitalisierungskonzepte muss HR einen sozialen Spielraum gestalten, der es Mitarbeiter ermöglicht, Risiken eingehen zu können, zu experimentieren, zu lernen und doch im Netzwerk des Betriebes Sicherheit zu erfahren. In jedem Fall muss HR sich mit den technischen Möglichkeiten des Digitalen auseinandersetzen.

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(sh) | Fotocredits: (1) Siegfried Springer | www.pixelio.de | (2) Q.pictures | www.pixelio.de.    

Veranstaltungshinweise

Auf den Frühjahrsmessen in Hamburg und Stuttgart
können Sie sich über die digitale Transformation
unter anderem durch Besuch folgender 
Aussteller und Events informieren:

PERSONAL2015 Nord (06. Mai | 07. Mai)

Keynote-Vortrag. Dr. Ursula Schütze-Kreilkamp: 
„Innovatives Personalmanagement im digitalen Zeitalter“

Mittwoch, 06. Mai 2015, 10.15 Uhr,
HH Messe & Congress, Halle A4, Praxisforum 1

Keynote-Vortrag. Dr. Prof. Jens Nachtwei: 
Rätst du noch oder validierst du schon? 
Anwendung von Big Data bei Potenzialanalysen“

Mittwoch, 06. Mai 2015, 16.30 Uhr,
HH Messe & Congress, Halle A4, Praxisforum 2

Vortrag. „Self-Services – die Personalabteilung als Business-Partner.“
Karen von Dehn Rotfelser. Perbit Software.
Mittwoch, 06. Mai 2015, 14.00 Uhr,
HH Messe & Congress, Halle A4, Praxisforum 1


Vortrag. „Die digitale Personalakte aus Sicht der HR-Abteilung.“
Frank Rüttger. IQDoQ
Mittwoch, 06. Mai 2015, 14.45 Uhr,

HH Messe & Congress, Halle A4, Praxisforum 1

Keynote-Vortrag. Tim Cole: „Arbeit 2.0: Feierabend war gestern
Mittwoch, 07. Mai 2015, 16.30 Uhr,
HH Messe & Congress, Halle A4, Praxisforum 2

Themenreihe „Recruiting-Trends“. 
Programm ansehen.

 

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PERSONAL2015 Süd (19. Mai | 20. Mai)

Themenreihe „HR & IT“ in den Praxisforen. 
Programm ansehen 

Keynote-Vortrag. Tim Cole: „Arbeit 2.0: Feierabend war gestern
Mittwoch, 20. Mai 2015, 16.20 Uhr,
Messe Stuttgart, Halle 6, Praxisforum 2

Sonderbereich „Corporate Learning & Working“
Programm ansehen  
   

>>>> Das komplette Programm

Am Regiestuhl des Digitalen: Das 19. Jahrhundert

In dieser historischen Stunde der „Ver-Öffentlichung“ von vormals abgeschlossenen Einheiten im Großen wie Kleinen steht die Zukunft der Digitalisierung in Deutschland an einem Scheideweg. Gelingt es, das Digitale über seinen technischen Ursprung hinaus zu verstehen und einzusetzen, um zu verhindern, dass zum Schluss Algorithmen-Glückspielautomaten im großen Stil Menschen steuern, abfertigen und beurteilen? Das könnte durchaus passieren, denn viele Anwender und User digitaler Tools denken in den Parametern des letzten Jahrhunderts; feudales Herrschaftsverhalten in der Wirtschaft ist praktisch noch nicht überwunden. Darum gibt es derzeit noch wenig echte soziale Innovation für den Umgang mit „digital“ . Oder mit den Worten des Soziologen Dr. Andreas Boes formuliert: „Das Missverständnis in Deutschland liegt darin, dass viele Experten, Manager und andere meinen, Digitalisierung bedeute ausschließlich Automatisierung. Wenn wir sagen ‚Digitalisierung‘, dann sehen wir die Debatte des 21. Jahrhunderts durch die Brille des Maschinenzeitalters, nämlich des 19. Jahrhunderts.“ 

Digitale Industrie – made in Germany

Und noch etwas ist für Deutschland charakteristisch: „Digital“ wird vor allem zusammen mit der Entwicklung der Industrie gedacht. Zwar warb die deutsche Bundesregierung im letzten Jahr mit ihrem Wissenschaftsjahr „Die digitale Gesellschaft“ bei den Bürgern um Akzeptanz des Digitalen. Von mehr Mitbestimmung war weniger der Rede. Der deutsche Wirtschaftsminister Siegmar Gabriel bemüht sich hingegen weit mehr darum, dass Unternehmen erstens Prozesse für mehr Kosteneinsparungen sozusagen in der Dimension 2.0 optimieren. Zweitens fördert er das Projekt „Industrie 4.0“. Der Mittelstand hat für den Politiker die Funktion eines Scharniers zwischen großen Kooperativen und den Konsumenten und Anwendern an der Basis. Schulterschluss sucht man in Berlin mit den Softwarehäusern, denn sie stellen die Technik für die große Transformation zur Verfügung. Aus den Reihen von Industrie, Politik und Software ist aktuell wenig über soziale Revolutionen des Digitalen zu hören. Stattdessen referieren sie gern über das „Internet der Dinge“, „digitale Auftragssteuerung“ oder „Prozesscontrolling“. Immer mit dem Verweis auf einen vermeintlichen globalen Wettbewerb.

Industrie: Zugpferd für Kaiser, Diktator
und das heutige Deutschland

Historisch liegen die Gründe für dieses Phänomen noch ganz woanders: Großmächte waren bislang auf die Macht der Industrie im globalen Wettbewerb der Staaten gegeneinander fixiert. Kaiser Wilhelm setzte darauf, Hitler nach ihm und zeitgleich Lenin sowie Stalin. Wettbewerb, Übertrumpfen, Ausstechen – das waren die Parameter der letzten 200 Jahre gewesen, in denen die Industrie die Lanze für die Mächtigen brach. Um Kooperation ging es nicht. Und wenn doch, dann nur, um zu siegen. Mittelbar wuchs mit der Industrie der deutsche Wohlstand. Im Kommunismus erlebten Menschen Industrie übrigens als Druck und Armut. In den 1980er Jahren regte sich gegen die Industrie weltweit bürgerlicher Unmut, weil sie zu weiträumiger Umwelt- und Lebensraumzerstörung führte. Weltweit leben Menschen heute noch im Giftmüll und Unrat der industriellen Giganten.

Die so viel besagte Industrie soll nun auch im 21. Jahrhundert wegweisend sein. Laut Willen der aktuellen Bundesregierung soll sie Deutschland zum Weltmeister unter den Industrienationen machen. Die aktuellen News und Verlautbarungen aus Berufsverbänden, Branchen und Politik zeigen, dass vor allem an Roboterisierung und Automatisierung gearbeitet werden soll. 

Wenn das so ist – geht´s auch anders

Aus dieser offenbar derzeit einseitigen und zum Teil sozial belastenden Entwicklung gibt es Auswege. Sie haben ihre Ursprünge in der Geburtsstunde des Internets: Dadurch, so Dr. Andreas Boes, dass Kommerz und Politik den zuerst herrschaftsfreien Raum Internet vor Jahrzehnten anfänglich unterschätzt und unbeachtet ließen, konnten sich Kommunikationskulturen rund um den Globus entwickeln, die darauf beruhen, dass Menschen auf Augenhöhe miteinander sprechen. Diese Menschen lassen sich das Digitale als ihren zweiten Lebensraum nicht mehr wegnehmen.

Dazu kommt eine weitere Dimension: Durch die durchdringende Flexibilisierung von Arbeit und einer damit verbundenen hohen sozialen Unsicherheit, beginnen viele Menschen nach Alternativen zu suchen, abseits des Automatisierungshypes und der Konzerne. Das heißt, die politisch gewollte Bewegung ruft eine Gegenbewegung hervor und setzt letztlich auch große Flagschiffe der Wirtschaft unter Druck. Es ist inzwischen ein offenes Geheimnis, dass viele Konzerne Mühe haben, für ihre Welten Leistungswillige zu rekrutieren. Und sie tun sich schwer, der sich rasch wandelnden Welt zu folgen, ihre kontrollgetriebene Bürokratie macht sie vergleichsweise schwerfällig, um ihre Arbeitswelten und Geschäftsideen laufend anzupassen. Sie sind in der Grundsache quasi Gelddruckmaschinen für Anleger und praktisch auf intelligente Kommunikation mit ihrer Umwelt nicht ausgerichtet. Automatismen zur Massenproduktion bescherten ihnen lange Zeit Erfolge, nun stehen sie ihnen oft im Weg. Aber von Befehl und Order auf Dialog und Lösungskompetenz umzustellen, bedeutet eine soziale Revolution, die sie aktuell noch nicht forcieren.

Weil dies alles so ist, könnten Mittelständler diejenigen sein, die die Auswege aus dem sich abzeichnenden großen Kontroll-Showdown finden. Sie brauchen Mut zum Experimentieren, sollten ihre Kunden gut kennen, sich mit vielen Partnern zusammentun, darin souverän bleiben, ihre Mitarbeiter neben den Managern auch zu Hauptakteuren machen und ihr Business ständig neu denken. Es ist eine Tatsache, dass Qualitätsprodukte ihre Kunden finden, kritische Berichte viele Leser anziehen und Erfahrung für viele Menschen mehr zählt als ein Hochglanzprospekt. Der Wermutstropfen: Auch den Mittelständlern bleibt die Aufgabe, im Business immer Umweltaspekte mitzudenken, politisch relevante Nachhaltigkeitsziele für Mensch, Produkt und Umwelt anzustreben, die Nerven im Alltag zu behalten und eine vernünftige Preispolitik zu machen. Fazit: Einkasteln in ein gemütliches und verlässliches Bürgerleben – damit ist auf jeden Fall mal Schluss. Die Digitalisierung faltet die Wohnzimmer auseinander. Lösungen müssen her. Dann doch lieber vernünftige.

Sattelberger: Sind wir nur ein Land
der Rationalisierungseffizienz?

Bei der Digitalisierung in Bezug auf Arbeitswelten geht es also um weit mehr als „daheim arbeiten“, „im Intranet kommunizieren“ oder „online lernen“. Das Thema hat eine gesellschaftlich weitreichende Dimension. Was passieren könnte, wenn Unternehmen diese Tatsache missachten, hat der Vorstand der HR Alliance Thomas Sattelberger auf dem Kongress geschildert: „Man muss unterscheiden: Arbeiten wir an einer Roboterisierung oder einer Digitalisierung? Sind wir nur ein Land der Rationalisierungseffizienz? Können wir auch außerhalb von Industrie 4.0 punkten?“ Sattelberger gab seinen Zuhöreren zu bedenken: Deutsche Effizienzkultur gegen asiatische oder andere Effizienzkultur – dieses Spiel könnte Deutschland auch kolossal verlieren. Und womit sind wir dann erfolgreich? Sattelberger verwies für seine Antwort auf einen Satz des MIT-Experten Tom Malone: „Einige der wichtigsten Innovationen entstehen nicht durch neue Technologien, sondern durch andere Arten zusammenzuarbeiten und Arbeit zu organisieren.“ Die Überzeugung des ehemaligen Telekom-HR-Vorstandes lautet: Wer die im Digitalen implizierte Möglichkeit einer sozialen Revolution in den Betrieben endlich zulässt, der findet Geschäftsideen, Power und Zukunft, wenn bloße Optimierung und Automation ausgereizt sind oder für ihn in erster Linie Verlust bedeuten.

Der Begriff „Digitalisierung“war im Ursprung kein soziologischer oder kultureller, sondern ein technischer. Und das ging so: Analoge Systeme wie eine Kamera oder eine Waschmaschine produzieren jede Menge Informationen. Diese zu sammeln, zu speichern und zu verarbeiten, nämlich auf Basis von Codes und elektrischen, also digitalen Signalen, war das Abenteuer des letzten Jahrhunderts. Im modernen Jahrtausend ist die Durchdringung der analogen Welt durch digitale Technik so weit fortgeschritten, dass die Technik einen kategorischen Sprung macht und zu einer soziologischen Größe wird. Schlagworte für diese Durchdringung sind smarte Haushaltsgeräte, weltweite Beziehungen von Menschen durch das Internet, zeitnahe Information über Lagedaten per RFID-Chips oder intelligente Lernsoftware. Die Technik durchdringt Lebenswelten, öffnet vormals verschlossene Türen, faltet das Private in der Öffentlichkeit auseinander und sprengt so wortwörtlich nationale Rahmen. Das ist jetzt schon Realität: Wenn Ägypter außerhalb von Kairo über das Internet sehen, wie ein Landwirt im Tessin einen neuen Traktor über seinen Hof fährt und am Abend an seinem Hof zu Abend isst, dann fragen sie sich, warum sie so leben, wie sie es in ihrer Gegend tun. Wenn ein Abteilungsleiter Texte für schlappe vier Euro pro Stunde von Übersetzern in Thailand bekommt, dann schenkt er sich unter Umständen die Beschäftigung einer Übersetzerin in Hamburg. Und österreichische Architekturvisualierer merken jetzt schon den Druck, der entsteht, weil Bauherren bei Slowaken über der Grenze statt 2.500 Euro pro Arbeit nur 500 Euro zahlen. Im Klartext: Umsätze im Keller, Kunden weg, Neuerfindung von Geschäftsideen nötig. 

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