Die Säulen des Selbstwertgefühls: Die Autonomie und Selbstwirksamkeit junger Mitarbeiter stärken

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photo of three person sitting and talking
Foto von Helena Lopes

Die Turbulenz unserer Zeit verlange ein Selbst mit einem klaren Gefühl für die eigene Identität, Kompetenz und Wertigkeit, schreibt Nathaniel Branden in seinem Buch „Die sechs Säulen des Selbstwertgefühls“. Gründe dafür macht er im geschwundenen kulturellen Konsens in der westlichen Gesellschaft aus. Rollenmodelle fehlten, die es wert seien, dass junge Menschen und auch ältere ihnen nacheiferten.

Es fehlen vor allem solche Vorbilder, die über lange Zeit hinweg begleiten könnten – Kurzstars wie die im kommerziellen Rahmen protegierten Fußballstars und Schauspieler dieser Tage haben nicht mehr dieselbe Wirkung wie Menschen, die 20, vielleicht 30 Jahre einer Gesellschaft als Leuchttürme vorangehen. Der Grund mag darin liegen, dass es eben die wirtschaftliche Nützlichkeit dieser Models ist, die ihre Wirkung aussetzt. Die charakterliche Stärke, das Gestaltende ihrer Persönlichkeiten über lange Zeiträume wird kaum sichtbar. Das echte Vorbild beweist, dass es lebt, was es verkörpert. Und dass das Gelebte auch tragfähig ist.

Psychologische Tragfähigkeit ist Nathaniel Branden zufolge dringend nötig: Die aktuellen rapiden Gesellschaftsveränderungen, die oft wenig beflügelnd wirken, forderten das Selbstbild heraus. Die Stabilität, die der Einzelne nicht in der Welt finde, müsse er in sich selbst finden. Die Quadratur des Kreises besteht dem Psychologen zufolge darin, dafür eine unbelastete Psyche zu erhalten. Das Selbstwertgefühl gründet notwendig in der Psyche und kann nicht instrumentell gedacht werden.

Junge Menschen sind genau in diesem Punkt – wie das heutzutage nicht ungewöhnlich ist – gefährdet. Wie die Ärztezeitung kürzlich aus einer Jugendstudie unter 667 Ärzten berichtete, nehmen soziale Probleme bei Kindern und Jugendlichen überproportional zu. Die befragten Ärzte sähen einen hohen Handlungsbedarf, vor allem in den Punkten Familien- und Sozialarbeit.

Dieser Befund steht nicht für sich allein. Auch Erhebungen des Robert Koch-Instituts in Berlin zur Kinder- und Jugendgesundheit belegen: 20 Prozent der Kinder in der Bundesrepublik Deutschland weisen psychische Auffälligkeiten auf und zehn Prozent sogar deutlich erkennbar zutage tretende Störungen. Laut der bundespolitisch getragenen Stiftung „Achtung Kinderseele“ rechnen Experten rechnen damit, dass bis zum Jahre 2020 international die psychischen und psychosomatischen Erkrankungen im Kindesalter um mehr als 50 Prozent zunehmen.

Auf die Unternehmen wird das in absehbarer Zeit zurückfallen. Sie erleben heute schon, dass jungen Menschen Fähigkeiten der sozialen Interaktion fehlen. Und sie sind es, die an dieser Stelle einhaken können und müssen, denn junge Mitarbeiter – Studenten, Absolventen, Auszubildende und andere – verbringen das Meiste ihres Tages an ihren Stätten.

Die gute Nachricht: Ein positives Selbstwertgefühl und damit ein starkes Selbst können zu jedem Zeitpunkt im Leben eines Menschen entwickelt werden. Und diese gefestigten Menschen verlieren dann ihr inneres Feuer nicht so schnell, welches ihnen die rauen Zeiten abverlangen.

Nathaniel Branden gibt dem Leser seines Buches drei Leitsätze für die Arbeit am Selbst an die Hand:

  • „Dein Leben ist wichtig.“
  • „Halte es in Ehren.“
  • „Kämpfe darum, das Optimale daraus zu machen.“


Diese drei Leitsätze können – bezogen auf Gesprächssituationen mit jungen Mitarbeitern im Betrieb – gute Leitsterne für den Dialog sein. So wie auch Betriebe Führungsgrundsätze brauchen, um sich zu orientieren und eine Kultur zu begründen, so könne diese Sätze auch die Richtung und die Kultur des Dialog mit den Mitarbeitern festigen.

Innere und äußere Faktoren steuern und
jungen Menschen bewusst machen

Das Selbstwertgefühl wird von inneren und äußeren Faktoren beeinflusst. Die äußeren sind offensichtlich: Es sind im Wirtschaftskontext vor allem die Vorgesetzten, das soziale Umfeld des Mitarbeiters, die Firmenstrukturen, Bildungsstätten, der gewählte Beruf und so weiter.

Die inneren Faktoren des Selbstwertgefühls sind nur mittelbar ersichtlich und müssen bewusst gemacht werden. Junge Menschen brauchen in diesem Punkt Unterstützung, wo es ihnen an eigener Lebenserfahrung mangelt.

Zu den inneren Faktoren gehören nach Nathaniel Branden:

  • Autonom handeln und denken
  • Bewusst leben
  • Sich selbst mit allen Licht- und Schattenseiten annehmen können
  • Eigenverantwortlich denken und leben
  • Tendenziell zielgerichtet leben und denken
  • Persönliche Integrität wahren


Die Schweizer Psychologin Verena Kast – die auf ihrem Gebiet von vielen Menschen für ihr Werk als Vorbild geschätzt wird – greift in ihrer Theorie vom Selbst vor allem den Kernaspekt der Autonomie als den Dreh- und Angelpunkt einer stabilen Persönlichkeit auf. Gewitzt formuliert sie in ihrem Standardwerk „Der Weg zu sich selbst“: „Um autonomer werden zu können, braucht es manchmal viel List, nicht nur der Umwelt, sondern auch sich selbst gegenüber: Immer wieder muss man voraussehen, wo man sich wieder um Autonomieschritte drücken möchte, wo man sich versitzen möchte und einem anderen dafür die Schuld gibt“. 

Die Kreuz mit der Autonomie ist, dass sie zeitweise Orientierungslosigkeit, Bindungslosigkeit, Unsicherheit und Angst mit sich bringt. Nur um den Preis dieser Herausforderungen ist Unabhängigkeit und eigenes Urteilsvermögen zu haben. Für das gelungene Selbst gibt es keinen Garantieschein. Angst ist der große Gegenspieler in dieser Sache. Wenn nun junge Menschen aus einem Umfeld kommen, dass ihnen wenig Sicherheiten bot, dann suchen sie – das zeigt die Alltagserfahrung – im Betrieb dessen Kompensierung, die Gegenmedizin. Doch die Betriebe selbst müssen sich immer weiter in den globalen Markt und dessen Unsicherheiten hineinbegeben. Ihre Mitarbeiter sollen die sein, die den Dschungel zweiteilen und Wege ausmachen. Und von jungen Mitarbeitern erhoffen sie sich guten Schwung und große Tatkraft.

Im Klartext bedeutet das Zusammenspiel all dieser Tatsachen: Betriebe brauchen junge Menschen – junge Menschen brauchen Unterstützung auf dem Weg zu einem starken Selbst.

Dabei ist der Appell zum starken Selbst kein fatalistischer: Laut Verena Kast muss die Autonomie täglich ausgewuchtet werden. Es komme mehr darauf an, wie jemand mit den Schattenseiten von Individualität umgehen könne. Die Potentiale dazu sind von Mensch zu Mensch verschieden, verändern sich von Lebensphase zu Lebensphase. Autonomie und damit verbunden Individualität sind Balanceakte; die besser gelingen, wenn sie bewusst geführt sind.

Junge Menschen lassen sich zu diesem Balanceakt mal mehr, mal weniger gut einladen. Der zu werden, der sie sein können, ist ihr Lebensphasenthema im Besonderen. Es ist am Ende des Weges ihre Belohnung. Sie mögen bewusstes Leben im Moment, sie wollen Ziele erreichen, in ihren Schattenseiten auch angenommen sein und unabhängig sein dürfen. Unternehmen müssen diese Aspekte im täglichen Miteinander nur beachten wollen und entsprechend reagieren und coachen. Dazu gehört vor allem eine gute Kultur im Umgang mit Fehlern, Respekt vor Schwächen an Mitarbeitern, ein Auge und Ohr für Talente.

Ein starkes Selbst erkennen – die Merkmale

Wie lässt sich an jungen Mitarbeitern ein starkes Selbstwertgefühl erkennen? Woran erkennen Vorgesetzte und Personalentwickler, dass sie es mit einer gestärkten, oder vielleicht auch geschwächten Person zu tun haben? Nathaniel Branden gibt in seinem Buch dieser Frage in einem eigenen Kapitel Raum. Seine stärksten Argumente: Ein starkes Selbstwertgefühl führt zu einem insgesamt entspannten Ausdruck der Person. Ihre Mimik und Gestik ist lebendig und vergleichsweise leicht. Mit Selbstverständlichkeit kann sie Kritik und Komplimente äußern, aber auch annehmen. Unbeschwert gesteht sie Fehler ein und ist neugierig auf Neues. Der Körpertonus ist weder zu schlaff noch zu gespannt. Das Selbstbewusstsein gründet nicht in einer Grundsatzaggression und die ganze Person wirkt ungezwungen.

Es gibt für Unternehmen also im Umgang mit jungen Mitarbeitern eine ganze Menge Hebel, die sie nutzen können, um aus ihren Arbeitnehmern starke Persönlichkeiten zu machen. Und für diesen letzten Aspekt gilt: Wer darin unterstützt wird, in Beziehung und Annahme er selbst werden zu können, wird die Stärke weniger dazu nutzen, dem Unterstützer zu schaden. Es gibt also wenige Gründe für Unternehmen, sich nicht auf den Weg zu machen. Im Gegenteil: Das Gebot des Zeitgeistes und die gute Aussichten einer Selbstwertmission überwiegen. 

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Fotocredits: 

© Petra Dirscherl | www.pixelio.de (1)
© Rainer Sturm | www.pixelio.de (2)
© Bernd Kasper | www.pixelio.de (3)
© Berggeist007 | www.pixelio.de (4)

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LEKTÜRETIPPS:

Verena Kast: Der Weg zu sich selbst. Patmos Verlag
2009 | 135 Seiten | 14,90 €

Nathaniel Branden: Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls
Erfolgreich und zufrieden durch ein starkes Selbst.
Piper Verlag | 2005 | 354 Seiten | 8,95 €

Fehlerkultur! Schattenseiten an
jungen Mitarbeitern annehmen

Schlägt eine gute Begleitung junger Menschen am Arbeitsplatz fehl, werden aus ihnen Befolger statt Gestalter, und das mit lebenstechnischer Wurzel. Es ist im Nachgang schwierig aus gebrannten Kindern weise machen zu wollen. Eine der sensibelsten Aspekte dabei ist der Umgang mit Schattenseiten an jungen Menschen. Viele von ihnen bemühen sich im positiven Sinne gute Beispiele nachzuahmen, sich an Erfahrenen zu orientieren und von diesen bestätigt zu werden. Dabei werden sie im Fall der Fälle eher die Anpassung suchen als die Konfrontation oder den Dialog – auch ausgehend von ihren Erfahrungen im Elternhaus.

Interessant ist dabei, dass auch die Beschäftigung mit Schattenseiten – und daher die Annahme der Person in ihrer Ganzheit – eine Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflusst. Eben, weil die ganze Person angenommen wird. Das löst Blockaden, Widerstände und Verzweiflung um unabänderliche Schwächen. Verena Kast schreibt dazu: „Schatten, nicht mehr verdrängt, nicht mehr projiziert, hinreichend akzeptiert, wird zu einer Kraft“. Die im Schatten gespeicherte Kraft werde so frei und können gestaltend eingesetzt werden. Allerdings – so mahnt Kast – sei für diesen Prozess ein starkes Selbst nötig, das mit Kränkungen umgehen könne. Übertragen auf den Betriebsalttag bedeutet das: An dieser Stelle brauchen junge Menschen von Vorgesetzten und Kollegen Unterstützung, damit die Kraft und Gedanken nicht in unsinnige Enttäuschungsmonologe gesteckt werden.

Unternehmen müssten ihren jungen Mitarbeiter bedeuten, dass Ängste, Enttäuschungen und Fehler sinnvoll sind für ihre Entwicklung. Und das muss praktisch mehr Raum haben als eine bloße Dokumentation in Unternehmensleitsätzen.

Nathaniel Branden formuliert beim Thema Fehlerkultur und Selbstannahme noch präziser: „Zur Selbstannahme gehört die Bereitschaft zu erfahren – das heißt, real ohne Leugnen oder Ausflüchte wahrzunehmen –, dass wir das denken, was wir denken, das fühlen, was wir fühlen, das begehren, was wir begehren, das getan habe, was wir getan haben, und das sind, was wir sind.“ Es sei mithin die Weigerung, zwischen dem, was ist und sich selbst eine Distanz aufzubauen. Im Klartext: Der junge Mitarbeiter sollte sich nicht in Ausreden flüchten, andere Kollegen vorschieben oder versuchen, etwas ungeschehen zu machen. Er sucht in seinem Hirn nicht nach Schleichwegen – so Branden – um die Fakten verschwinden zu lassen.

Den Mitarbeiter sichtbar machen –
Beziehung statt bloß Lob

Ein wichtiger Aspekt der Begleitung des sich entwickelnden Menschen ist das Thema „Sichtbarkeit“. Dabei geht es nicht um Anerkennung von Leistung, Lob oder Tadel. Sichtbar fühlt sich ein Mensch vor einem anderen, wenn dieser auf seine Aktionen so eingeht, dass diese weiterschwingen können. Aktion und Reaktion stehen in einem guten Verhältnis. Dieser Wunsch nach Sichtbarkeit, so Branden, sei der Wunsch nach einer Form von Objektivität, die die subjektive Sicht eines Menschen auf das Leben bestätigt. Gerade junge Mitarbeiter brauchen und wünschen sich Kontakt und Beziehungen, die ihnen helfen, ihre subjektiven Sichten zu erkunden. 

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