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Foto von Parker Byrd

2. Didaktisch „kluges“ Lernen: Die Verschränkung
von oncampus- und offcampus-Lernen

Eine Lehre ist meines Erachtens nur dann didaktisch klug, wenn sie solche neuen Verschränkungen von oncampus- und offcampusFormen des Lernens nutzt und auf der Basis einer klaren Vorstellung über das Lernen und die angestrebte Kompetenzentwicklung bei den Lernenden in neuen „Frames“ gestaltet. Für eine wirksame Nutzung der Vorteile eines solchen Vernetzten Lernens (Siebert, 2003) gelten folgende Hinweise:

Die 6 Aspekte eines vernetzten Selbstlernens


Schatzsuche
Suche bei Kollegen, die dasselbe Lernthema mit ihren Lernenden bearbeiten sowie bei ähnlichen Institutionen – weltweit – Best Practices. Kläre die Nutzungsrechte dieser Schätze und ermögliche Deinen Lernenden ihre Nutzung. Dadurch wird Dein eigener Unterricht nicht obsolet, Du kannst ihn aber „intelligenter“ gestalten: als Tutorial, Beratung oder Mentoring für die Lernenden. Versuche nicht, die Best-Practice zu imitieren, sondern entwickle die „beste“, d.h. kompetenzwirksamste Nutzung.

Ermöglichen
Wo immer die Lernenden sich selbst auf den Weg machen können, ermuntere sie und unterstütze sie. Es kommt nicht darauf an, als Lehrender zu brillieren, sondern kluge Lehre brilliert durch das Lernen, welchem sie zu entstehen hilft. Deshalb: „Lass die Lernenden gehen und sorge lediglich dafür, dass sie gutes Schuhwerk und eine Landkarte haben!“

Lebendigkeit
Lebendigkeit ist Aktivität und Neuentstehung. Deshalb meide Lehre „aus der eigenen Retorte“, denn alles, was Du in Deiner Retorte hast, könntest Du auch den Lernenden geben! Übe Dich im aktivierenden Fragen (Lern- und Erschliessungsfragen) und in der Entwicklung von Arbeitsaufträgen, die eigene Überlegung und eigenes Lernhandeln der Lernenden zu initiieren vermögen!

Begegnung
Begegnung ist didaktisch notwendig, um mit den Lernenden und ihren Fragen in Beziehung zu treten. Reduziere deshalb alle Begegnungen, bei denen die Lernenden nicht Dir, sondern einem Inhalt begegnen. Solche Inhaltsbegegnungen sind virtualisierbar, weniger jedoch die Begegnung, in denen Du die Lösungsansätze Deiner Lernenden mit ihnen besprichst, ihre Ängste, aber auch Fehlstarts kommentieren und mit ihnen neue Anläufe planen kannst.

Selbststeuerung
Lernen ist eine selbstgesteuerte Aktivität eines Gegenübers, auf dessen innere Bewegungen Lehrende keinen nachhaltigen Einfluss haben. Lehre kann lediglich die Situationen arrangieren, in denen Lernen stattfinden kann, aber nicht muss. Denke das Lernen Deiner Teilnehmerinnen und Teilnehmer von ihrer Selbstbewegung her, zu der Du einlädst und für die Du Raum gibst.

Transformation
Lernen ist eine Transformation der Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Subjekts. Beobachte diese Kompetenzentwicklung der Lernenden deshalb genau und begleite ihren Prozess durch eine Lernberatung, die die eigenen Kompetenzen immer wieder mit dem Kompetenzprofil vergleicht, welches den erwarteten Rahmen darstellt.

Foto: wolla2 | pixelio.de
Quelle: Januar/Februar 2012 | Nummer 65 | www.lo.irbw.net

1. Die neue Gestaltung von Lernsituationen

Wer sich der Frage nach der lerntheoretisch und didaktisch begründeten Gestaltung von Lernsituationen wirklich stellt, hat mehr zu tun, als bloss die Frage der Elektronisierbarkeit von Inhaltszugang, Auseinandersetzung oder Assessment zu erörtern. Er muss auch die Begegnungsnotwendigkeiten gezielt begründen und vielfältigere Formen anbieten als sie die Hörsaalarchitekturen bereithalten. Dabei gilt es unter anderem, die sich wandelnde Verschränkung der oncampusFormen des Lehrens und Lernens und der offcampus-Formen sinnvoll zu nutzen und die Formen des Selbstlernens 1. und 2. Ordnung kreativ zu gestalten (siehe Abb.).

Dazu das Statement eines bereits seit vielen Jahren in der Weiterbildung tätigen Dozenten: „Also ich finde das alles mehr als fragwürdig. Nach meiner Erfahrung gelingt Lernen nur durch soziale Begegnung. Wenn ich mir vorstelle, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an meinen Kursen, die Inhalte, um die es geht, sich zuhause allein im Netz aneignen sollen, wird mir Angst und Bange. Meine Lernenden müssen motiviert, ermutigt und begleitet werden, sonst führt dies alles zu nichts“. Eine Kollegin entgegnete: „Ich kann Dich schon verstehen, nur muss ich Dir ehrlich sagen, in meinen Kursen kann ich machen, was ich will, es gelingt mir selten, wirklich alle, die da abends zu mir kommen, zu begeistern. Manchmal ist es auch so: Die sind da, aber gleichzeitig online, indem sie ihre Mails bearbeiten oder auch Fragen googlen und mich korrigieren oder mit einer weiteren Frage konfrontieren, die sie gerade eben aus dem Netz gezogen haben. Dieses Oncampus-online-Sein“ nimmt zu, weshalb ich z.B. mit grossem Erfolg begonnen habe, die Teilnehmenden mit Such- und Rechercheaufträgen selbständig bestimmte Gesichtspunkte klären und bestimmte Aufträge bearbeiten zu lassen. Letzthin sagte ein Teilnehmer: >Eigentlich könnten Sie uns doch eine Email mit den Themen und Fragestellungen zukommen lassen, die wir dann bearbeiten, ohne kommen zu müssen. Wir können Ihnen doch unsere Ergebnisse mailen<. Ich muss zugeben: Er hatte nicht ganz Unrecht, dieser Lernende“.>.< Ich muss zugeben: Er hatte nicht ganz Unrecht, dieser Lernende“.

Sämtliche Veröffentlichungen von
Prof. Dr. Rolf Arnold – meist kostenlos zugänglich
www.sowi-uni-kl.de

Szenario-Beispiel für eine andere Art des Lernens

Wir sind im Jahr 2030: Konrad und Carolina sind Kommilitonen in dem internationalen Masterprogramm „Adult Education“. Konrad lebt in Zürich und Carolina in Buenos Aires. Gemeinsam mit 180 weiteren Studierenden aus 60 Ländern sind sie im dritten Semester dieses vernetzten Studienangebotes immatrikuliert, welches die Open University gemeinsam mit zwei deutschen, vier nordamerikanischen und einer indischen Universität anbietet. Konrad und Carolina sind Lernpartner, d.h. sie sprechen fast wöchentlich miteinander – persönlich getroffen haben sie sich noch nie. Sie nutzen die neueste Version von Skype, auf die beide von ihren Handys aus direkten Zugriff haben, zwischen 16h und 23h MEZ überlappen sich ihre Lernzeiten.

Dies ist die Phase, in der sie auch über den neuen Text, den ihre bosnische Kollegin Edina letzte Woche ihnen zugesandt hat, diskutieren. Während Konrad diesen Text ausdruckt und Zeile für Zeile prüft, kommentiert und kommentiert, bevorzugt Carolina die Audioedition, durch die Textbotschaften automatisch – auf Wunsch auch mit der Stimme dessen, der sie geschrieben hat – verlesen werden. Sie hört diese Inputs ihrer Kommilitonen gerne auf ihrer Fahrt zu ihrem Lernberater, den sie fast wö- chentlich in einem Vorort ihrer Stadt aufsucht. Mit ihm kann sie ihren bisherigen Prozess vor dem Hintergrund des von den Netzwerkuniversitäten abgestimmten Kompetenzprofils für Adult Education reflektieren, ihr ePortfolio vervollständigen und auch weitere Schritte auf dem Weg zum Masterabschluss besprechen.

Derzeit bereitet sie ihre Masterarbeit vor, die von einem Professor an der Open University betreut wird. Diesen wird sie in zwei Wochen in Mexico City treffen, wo dieser eine seiner regionalen Sprechstunden abhält. Fast täglich von 17-19h finden Seminare in den Cyber-Classrooms statt. In diesen treffen sich alle mit Hilfe ihrer Cyberbrille in einer Lifesituation, die kaum einen Unterschied zu einer realen Begegnung mehr aufweist: Zwar sitzen alle zuhause an ihren Arbeitsplätzen, doch sie blicken durch ihre Brille in einen Seminarraum, in dem alle anderen Teilnehmenden in einer Runde ihnen gegenübersitzen, und auch der Dozent ist „wie zum Anfassen“ real, obgleich er heute aus Neu Delhi dazukommt. Solche Cybermeetings sind ein obligatorischer Bestandteil des Studium, in ihnen gilt jedoch ein striktes „Vermittlungsverbot“: Die Meetings dienen nur der Debatte, Veranschaulichung, Hinterfragung und Vertiefung, und es wird von allen Lernenden erwartet, dass sie zeigen, welche fragende Haltung sie gegenüber dem Gegenstand des Seminars entwickelt haben. Parallel dazu beteiligen sich alle an der Anfertigung eines gemeinsamen Wikis („Vorgabe: „Es dürfen keine Beiträge gestrichen, sondern nur verbunden werden!“) über das jeweilige Thema des Cyber-Meetings. Heute ist Carolina etwas unsicher, denn sie sorgt sich um ihren PFB-Wert. Diesen Peer-Feedback-Wert geben alle Kursteilnehmer wöchentlich zu der Frage ab „Wie hast Du die Beiträge von Carolina für den akademischen Klärungsprozess im Cybermeeting und bei der Gestaltung des Wikis in dieser Woche erlebt?“ Ebenso schätzt sie die Beteiligung ihrer Kommilitonen ein – ein anfangs für sie ungewohntes Verfahren, welches sie mittlerweile jedoch als hilfreich erlebt. Bei Absinken ihres PFBs muss sie die Cyber-Sprechstunde des verantwortlichen Hochschullehrers aufsuchen, um mit ihm ihre Studienstrategie zu besprechen.

Dieses Szenario aus dem Jahre 2030 ist alles andere als futuristisch. In vielem ist eine solche Nutzung von eLearning bereits Realität, wie u.a. ein Blick in die Angebote virtueller Hochschulverbünde zeigt: etwa die Aktivitäten des Virtuellen Campus Rheinland-Pfalz (www.vcrp.de). Vielfach ist der Weg in die virtuellen Lernwelten jedoch noch durch schlechte Vorsätze erschwert, die sich darum bemühen, alte Vorstellungen von Lehren und Lernen zu bewahren, ohne sich wirklich der Kernfrage zu stellen: Welche didaktischen Vorkehrungen sind nachgewiesenermassen wirklich hilfreich für die Herausbildung welcher Kompetenzen?

Deshalb muss man genau prüfen, welcher Didaktik und welcher Lerntheorie die Virtualisierung von Lehren und Lernen – implizit – verbunden ist, um zu vermeiden, dass es alter Didaktik-Wein in neuer Verpackung ist, der einem da vorgesetzt wird. Kluge Lehre braucht jedoch meines Erachtens beides gleichzeitig: Die radikale Befreiung von Vermittlungsfunktion einerseits und die wirksame Aktivierung des Selbstlernens der Lernenden andererseits. Sie ist gehalten, die Begegnung mit dem Lernenden von der blossen Inhaltsübermittlung frei zu halten, indem sie ihm andere Zugänge aufzeigt und ermöglicht; sie inszeniert und nutzt gleichzeitig intelligente Begegnungsanlässe, um Auseinandersetzung, Debatte, Kritik und Erproben im Dialog sowie Selbstreflexion zu gewährleisten.

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