Design Thinking for HR! Definition, Bedeutung und Methodik

person holding pencil and stick note beside table
Foto von Marten Bjork

Wir setzen den Begriff zusammen: DESIGN THINKING =
Funktionen auf den Punkt entwickeln

Die heutige Welt ist durch ihre Verstrickungen und Vernetzungen eine Welt der Dilemmata geworden, auch in HR-Angelegenheiten. HR-Entscheidungen haben weitreichende Konsequenzen. Dilemmata löst man jedoch nicht mit Schwarz-Weiß-Methoden, wie in der alten Welt. Man kann sie mit Design Thinking lösen. Wichtig: Design-Lösungen sind niemals endgültige, sondern prozesshafte Lösungen.

Und so entsteht Design Thinking: Der Design Thinker durchläuft mehrere Schritte, die sich dadurch zu einem Prozess formieren. Dabei kann der Spieler wahlweise vor und zurück springen, je nach Bedarf:  

>> Zielgruppen- und entsprechend Zielgruppenanforderung
     identifizieren und definieren >> Verstehen

Beispiel HR:Arbeitszeitmodelle in Kombination mit Weiterbildungslots für Fabrikarbeiter am Band entwickeln: Wer sind die Arbeiter? Welchen sozialen Gruppen zugehörig (Aussteiger | Lohas | Alt68er usw.? Einkommenssituation in Korrelation zu Lebenskosten in der Region? Bildungslust in Korrelation zu Alter und sozial geprägten Opinions? Etc.

>> Recherche zu Umwelt, Historie und Wurzelproblem >> Beobachten

Beispiel HR: Historie ansehen: Wie dachten Ford und Toyota? Wie löst man in GB oder Asien diese Frage? Wer beschäftigt sich in unserer Region mit unserer Frage? Welcher Lehrstuhl hat zu Aspekten geforscht? Lohnt es sich in andere Industriebranchen zu sehen oder sich gar an sozialen Berufen zu inspirieren? Sollten wir andere Abteilungen und Kunden in unsere Recherche einbeziehen? Haben wir an die Belange aller gedacht? Veränderungen an der Basis bedeuten auch Änderungen am Vorstandstisch.   

 
>> Ideenfindung durch Abstraktion der Beobachtungen auf
     einen Einzelnutzer >> Point of view

Beispiel HR:
Der Kopf ist nun gefüttert mit lauter Daten, Bildern und Fakten. Jetzt darf im Team ein Ideenfeuerwerk gezündet werden. Wem es gelingt, locker mit fachfremden Kollegen und Kunden Ideen zu erspielen, der hat eine wesentliche Neuerung erreicht: Soziale Innovation im Umgang mit Teamsituationen. In dieser Phase sollte noch niemand Grenzen aufzeigen, es geht darum, Ideen zu spinnen. Was der Personalchef vielleicht nicht bewilligt oder der Boss nicht kann, ist an diesem Punkt uninteressant.   

>> Prototyping

Beispiel HR: Nun sollte ein Arbeitszeitkonto zusammen mit einem Weiterbildungsprogramm für einen einzelnen Nutzer entworfen werden. Gelingt dies nicht, weil doch noch Infos finden, dann gilt es: Zurück zu Schritt eins oder zwei.


>> Test / Umsetzung / Verfeinerung >> Fertigentwicklung

Beispiel HR: Erfahrungsgemäß braucht Prototyping seine Zeit. Die ist jedoch gut investiert, dann läuft die letzte Phase schnell durch. Das gewünschte Modell sollte nun mit einigen Mitarbeitern getestet und dann fertig gestellt werden.

 

Tipp von Professor Ulrich Weinberg, aus dem SAP Innovationsteam und von anderen Anwendern: Design Thinking braucht Platz, Buntstifte, Bauklötze, eine Menge Zettel und Stellwände. Niemand denkt revolutionär nur im Sitzen. Der Körper braucht Bewegung, wenn in seiner Krone die Blätter rauschen sollen. Also: Aufstehen, Stühle aus dem Sitzungsraum, Platz machen. Und bremsen Sie sich nicht gleich ein, wenn Sie merken sollten, dass die ganze Sache anfängt tierisch Spaß zu machen. Das ist gewollt und zeigt, dass Sie innerlich in Fahrt kommen. Psychoprobleme sehen ganz anders aus. Locker bleiben.

Beantworten Sie bitte jetzt zum Schluss diese Fragen:

Warum sind Sie als Personaler oder als HR-Anbieter in bester Position, um mit Design Thinking anzufangen?

Warum ist Ihr Thema ein hervorragendes Design Thinking-Thema?

Und wer könnte Ihnen Ihre Antwort übel nehmen, hörte er davon? Was sagen Sie demjenigen?

Und wie sorgen Sie dafür, dass Ihre Mitarbeiter designen dürfen?

————

(sh) | Foto: Lupo | www.pixelio.de

Design Th!nking – so geht es

Wir fangen von vorne an: Was ist „Design“? Und was ist „Thinking?“ Wer über eine Sache etwas wissen will, bemüht sich erst um die Bedeutung ihrer Begriffe. An dieser Stelle stehen bildlich gesprochen viele Straßenschilder, die bei der späteren Orientierung helfen, den Weg zu finden.


Design = Entwurf = Formgebung > FUNKTION!

– Das Herzstück des Designs ist die Funktion.
– Design wird geboren auf der Schnittstelle zwischen Bedarf und Gegebenheit.
– Wer am Design arbeitet, arbeitet also an Bedarf und Umständen zugleich.

Visualisierung: So sieht es der Design Thinker:

Ein Kreis und ein Quadrat sollen zur
Passung gebracht werden (Leonardo: Vitruvian man).

Das bedeutet allerdings nicht, den Kreis (z.B. Kreativität) zu quadrieren (z.B. Finanzen), sondern ein harmonisches Verhältnis zu erzeugen. Gemeint ist auch nicht: Make ends meet, what ever it costs.
 
Im Business-Klartext: Produkt- sowie Dienstleistungsnutzen stehen in einem gesunden Verhältnis zur Erzeugung. Im HR-Klartext: Gehaltsabzocke für tolle Kreativleistungen ergibt kranke Arbeitsverhältnisse. Oder: Steife Businessetikette für unkonventionelle Typen ergibt ermüdende Jobbedingungen. Und auch: Ganzheitlich denkende Personaler im Dienste von knallharten Sölderngruppen-Managern (Ausdruck: Thomas Sattelberger) ergibt? Lösung bitte selbst einsetzen.

Einwurf! Heißt Design nicht: passend machen?!   
Das heute noch weit verbreitete Verständnis von Design in der Bevölkerung wurde im 19. und 20. Jahrhundert durch das Aufkommen der Industrie mitsamt ihren sozialen Implikationen auf breiter Linie in der Gesellschaft verankert. Im Zuge von Massenfertigung und serieller Fabrikation konzentrierten sich Designer darauf, bestimmte Muster vielen Menschen zugänglich zu machen, selbst wenn die Produkte nicht zu ihren Eigenarten passten. Noch eine Erklärung: Der aktuelle Begriff „Design“ stammt vom französischen „Dessin“. Er ersetzte als solcher den Begriff „Mustermacher“.

Design à la Mustermacher bedeutet in der Praxis – im HRM, in der Fabrik, in der Politik oder sonst wo – Folgendes: Die zu Mustern zu machenden Dinge, Menschen oder Praktiken haben zwar selbst eine Eigenart, werden aber oft empfindlich beschnitten, um angepasst zu werden. Im schlimmsten Fall stirbt die im Muster eingelagerte Form. Der Mitarbeiter steht vor dem Burnout, die Roboter erledigen überflüssige Prozesse und so weiter. 

Der im Design Thinking enthaltene Begriff „Design“ bezeichnet dagegen die Arbeit an der Eigenart von zu Bearbeitendem. Alles klar? Übrigens: Design Thinking ist gehirngerecht. Haben Gerald Hüther und Manfred Spitzer zwar so nicht gesagt, aber sie müssten es angesichts der Methodik. Sie fragen sich warum? Antworten in unserer vorletzten Ausgabe „Hirnforschung goes HR“.

Der Vortrag: So, wie Ulrich Weinberg am Podium steht, ist er nicht der dekorierte geistige Mäzen einer Disziplin. Locker steht er da, sein Deutsch poliert er nicht übermäßig beim Sprechen. Schwarzes Hemd – für Künstler typisch. Und fast könnte man einen leichten Hüftschwung wahrnehmen, wenn er an der Wand hinter ihm zeigt, was er sagen will. Er hält keine Präsentation, er zeigt, was er meint. Schon in den 1990er Jahren munkelten manche Philosophen, es werde im neuen Jahrtausend wahrscheinlich Lexika geben, die nur noch mit Bildern arbeiten – weil das Geschriebene dahinter zurückstehen muss, es transportiere zu wenig. Das war wie so oft über das Ziel hinausgeschossen; aber es ist etwas an der These dran und es zeigt sich am Vortrag von Weinberg. Indem er Bilder für seine Message findet, zeigt er, dass er außerhalb von Imageklischees seine Ideen auf den Punkt bringen kann. Und das ist eben der Punkt bei der Innovationsmethode Design Thinking.

Die Geschichte: Storytelling ist entgegen dem, was mit Design Thinking gelingt, ein alter Hut. Storytelling fällt oft bemüht aus, der Erzähler ringt um Worte und Sinnbrücken. Design Thinking kanalisiert die Wucht von Bildern und Ideen, die sich ergibt, wenn jemand im Flow über ein Thema nachdenkt. Und dann muss man auch Technik besitzen, um die Kraft der Ideenfindung auf Schiene zu legen. Im Schauspiel würde es heißen: Technik zwingt ein Talent nicht, es befreit dieses. So verhält es auch im Design Thinking. Ulrich Weinberg nutzt für seine Geschichte diese Technik: Er reduziert Mensch, Idee und Weltsicht auf einen Punkt. Setzt Hunderte davon nebeneinander. Danach greift er einen Einzelnen heraus und überträgt das Brockhaus-Konzept auf diesen: Einer für alle.

Ulrich Weinbergs Exempel belegt, was Designer unlängst wissen: Du musst schon ein Menge verstanden haben – Zusammenhänge, Fakten und Konflikte – um eine Sache in ein Bild oder ein Design zu fassen. Einer, der nichts weiß, den nichts interessiert, der nach Schema F geht und der keinen Mut und Spaß besitzt, etwas zu wagen, der kann kein Design Thinker werden.  

Design Thinking bedeutet Denken im Rock and Roll-Stil. Oder mit den Worten von Designern formuliert: Der schöpferische Praktiker nimmt kaum Rücksicht darauf, welche disziplinären Grenzen er durchbricht. Der Theoretiker hingegen muss natürlich notwendigerweise gewisse Verallgemeinerungen schaffen. Tipp für Manager und Personaler: Wer Design Thinking sinnvoll betreiben will, muss ein Gleichgewicht von Finanzen und Kreativität erzeugen.   

Und HR? Na schön, Studenten können ja gerne rocken und rollen. Wenn es dann auch Produkt- und Dienstleistungsideen gibt, die man gut vermarkten kann, so ist alles im grünen Bereich. Aber später bitte dann einordnen. Hand aufs Herz – so denkt mancher Manager, Vorgesetzte oder Personaler. Da wurde mit Mühe ein Geschäft aufgebaut und dann kommen solche freien Radikalen und bauen quasi einen Babybag auf anderer Ebene um 3,50 Euro für das Geschäft zusammen. Das freut keinen Anleger, keinen Vertriebler, der ein karges Grundgehalt aufstocken muss oder Bosse, die einen Marktumbruch für ehemals teure Produkte abfedern sollen. Mal eben billig geht da nicht so einfach. Das Finanzamt lässt schön grüßen. Und die weniger kreativ geschulten Kollegen auch.

Natürlich soll das Neue dem Bestehenden nicht das Licht ausblasen, ansonsten frisst sprichwörtlich Saturn zu Recht seine Kinder. Aber eine Synthese aus alter und neuer Welt ist immer wegweisend. Die gute Nachricht: So, wie heute fast niemand mehr am Bauamt à la 1980 einen Rüffel bekommt, wenn er in Jeans auftaucht, so lockert sich auch heute viel in Unternehmen. Natürlich nicht überall, aber durch neue technische Möglichkeiten, den Berufseinstieg junger Leute und durch den Druck in Unternehmen, neue Geschäftsideen zu finden, öffnen Firmen notwendigerweise geistige und organisatorische Türen. Viel befindet sich im Umbruch; nämlich Richtung Innovation.

Jetzt auf Design Thinking zu setzen, ist ein Engagement, das wirklich Früchte bringt. Und nicht erst mittelfristig. Design Thinking verändert Dinge hier und jetzt. Das Schöne: Die Methodik kann jeder lernen. Vorausgesetzt, das Unternehmen erkennt, dass es mit Silodenken allein nicht weiter kommt. Weder in den Abteilungen, an den Arbeitsplätzen noch im Markt, in dem es tätig ist.

Th!nking = Denken = ENT-WICKELN! -> Im Fluss bleiben

Schon mal gesehen? Design Thinker verwenden gerne das „!“ anstelle des kleinen „i“. Lassen Sie dazu einmal Ihre Gedanken spielen: Im Englischen steht das „i“ für „ich“ – Apple macht es mit seinen Produktnamen vor. Und wenn nun anstelle des „ich“ ein Ausrufezeichen steht, dann kann das bedeuten: Auf mich kommt es an, im Bezug zu allem anderen um mich herum. Im Wording der Design Thinker ausgedrückt: Durch Ich-Intelligenz zur Wir-Intelligenz.


Ein Screenchart. 100 Zuhörer. Professor Ulrich Weinberg, Leiter der School of Design Thinking am Hasso Plattner Institut in Potsdam führt vor, was Brockhaus in einer vernetzten Welt nicht mehr kann: Auf dem Chart sind hunderte Punkte auf einer Landkarte zu sehen. Ein Punkt ist gleich ein Mensch, eine Frage und eine Erkenntnis. Und nun zeigt Weinberg auf einen Punkt am Rande des Chaos: Ein einzelner Mensch versucht, für all die gezeigten Punkte mitzudenken. Ist das nicht ein bisschen viel Goethe für die moderne Zeit? Eine Art Supergenie, der totale auktoriale Über-Ich-Erzähler, der seinen Mitmenschen sagt, wo die Harmonie einer problematischen Sonate liegt? Ulrich Weinberg muss den Zuhörern nicht viel mehr zu seinem Chart sagen. Es zeigt das Ausmaß eines solchen Ansinnens – da hilft Brockhaus allein nicht weiter. Weinberg geht einen Schritt weiter. Er zeigt ein Brockhaus-Kompendium auf einem weiteren Chart und meint: „Jetzt setzen Sie mal eine Marke über das Kompendium – statt Brockhaus. Da kann auch Lufthansa oder was anderes stehen – das funktioniert genauso“.

Das alles – der Mann am Podium, der kleine Vortrag, die Geschichte – ist von der Schuhspitze bis zur Chartgestaltung Design Thinking pur.

Der Mann: Ulrich Weinberg hat Grafik und Malerei studiert, arbeitete zuletzt im Filmgeschäft als Spezialist für 3D-Computeranimationen lehrte auf diesem Gebiet auch an der Hochschule für Film und Fernsehen HFF in Potsdam/Babelsberg, bevor er von Hasso Plattner – dem Initiator von Design Thinking und einer der SAP-Firmengründer – in 2007 als Institutsleiter berufen wurde. Plattner suchte jemanden, der vor Technik nicht zurückschreckt, in Parametern von Kunst denkt, Lehrautorität besitzt und Lust auf das neue Schulkonzept hatte, um es mit zu entwickeln. Die so genannte „d-school“ finanzierte Plattner aus dem Vermögen, das er mit der SAP einfuhr. Auf deutschem Boden installierte er ein Konzept, das er zuvor im californischen Stanford mitgetragen hatte. Dort baute er eine akademische Schule als Kontrapart zu Business-Schools – darum „d-school“ – auf, um Studenten im interdisziplinären und spielerischen Denken, Forschen sowie Produzieren zu unterrichten. Uni als Think Tank und nicht nur als Einweisungsanstalt für spätere Kaderkarrieren. Uni als das, was sie sein sollte und kann.

Plattners Kontakte und Geld reichten aus und das Ergebnis gab den Initiatoren Recht. Die ersten Produkte zeigten aber auch, dass die entfesselte Forschungskreativität freie Radikale erzeugt, die das gesellschaftlich und wirtschaftlich Gültige auf die Probe stellen. Wohl kaum erfreut haben mag es nämlich Hersteller von gängigen Brutkästen für Frühgeburten, dass die ersten d-school-Studies für die Dritte Welt Babytaschen aus speziellem Faserstoff herstellten – und zwar zu nur einem Prozent der von der Industrie für nötig gehaltenen Produktionskosten. Die Kästen kosten ein Vermögen, die Taschen sind erschwinglich. Die neuen Baggies retten seither hunderten Babys das Leben – Tausende Stück wurden bereits an Afrika und in andere Erdteile ausgeliefert. 

Melde dich jetzt zum HRM Newsletter an