Der Fachkräftemangel – eine Fata Morgana?

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Foto von Kaleidico
Dieser Tage erreicht die Arbeitslosigkeit mit 2,931 Millionen Männer und Frauen laut Bundesagentur für Arbeit (BA) ein Rekordtief. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg demnach im Oktober um 188.000 auf nun 41,09 Millionen. Bei Zeitarbeitsunternehmen, im Bausektor, dem Handel, der Verkehr- und Logistikbranche sowie im Gastgewerbe gebe es viele offene Stellen.

Laut der Süddeutschen Zeitung widersprach die BA-Führung im Zuge dieser Veröffentlichung dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das einen drohenden Fachkräftemangel in Zweifel gezogen hatte. Arbeitsmarktexperten Karl Brenke stellt in einer Untersuchung die populäre These in Frage, dass Deutschland vor allem in der Industrie Fachkräfte fehlen und die Wirtschaft Millionen koste. „Fachkräftemangel in Deutschland: eine Fata Morgana" – so sollte die Überschrift der Studie ursprünglich lauten. Die Veröffentlichung war für den 16. November geplant, doch der Inhalt gelangte vorab an die Presse: Der Spiegel machte die kontroverse These zum Thema (www.spiegel.de).

So erregte sie auch intern Aufsehen, denn DIW-Präsident Klaus Zimmermann verfolgt eine andere Linie: Er hatte kürzlich von der Bundesregierung gefordert, die Zuwanderung von ausländischen Fachkräften zu erleichtern. Bevor die Studie dann am 18. November erschien, musste sie noch in Form gebracht werden. Wie der Spiegel erneut berichtete, sei der Bericht „von vorn bis hinten durchgebürstet – und der Linie des Präsidenten angepasst worden“ (www.spiegel.de).

Was die Studie eigentlich besagt

Doch worauf beruft sich Brenke eigentlich in seiner ursprünglichen Fassung? Kann er damit den Glauben an den Fachkräftemangel tatsächlich erschüttern?

Der Kern seiner Aussage bleibt auch in der überarbeiteten Fassung (www.diw.de) erhalten: Es sei erstaunlich, dass etwa der Bundesverband Deutscher Arbeitgeber und der Bundesverband der Deutschen Industrie trotz Krise beklage, dass mehr als 60.000 Fachkräfte im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik fehlen. Denn die Industrie sei besonders hart von Nachfrage- und Produktionseinbrüchen im letzten Jahr getroffen worden und der Arbeitsplatzabbau sei hier gerade erst zum Stillstand gekommen. „So lag im August die Zahl der Beschäftigten in der Industrie immerhin um reichlich 300.000 oder sechs Prozent unter dem Niveau vor der Krise.“

Außerdem sei es überraschend, dass vermeintlich genaue Zahlen über die Größe des angeblichen Fachkräftemangels präsentiert würden. „Denn es sind bisher keine wissenschaftlichen Verfahren bekannt, die angesichts der Komplexität des Arbeitsmarktgeschehens und der Vielfalt an Aspekten, die auf der Angebots- und auf der Nachfrageseite zu beachten sind, für die Quantifizierung einer gesamtwirtschaftlichen Fachkräftelücke geeignet sind“, schreibt Brenke. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) multipliziere etwa die Zahl der amtlich gemeldeten offenen Stellen mit einem recht hohen Faktor – ohne zu berücksichtigen, ob die gemeldeten Stellen überhaupt einen Bedarf anzeigen würden oder auf bloßen Betriebswechseln beruhen.

Argumente wider den Fachkräftemangel: Lohnentwicklung, Arbeitsmarktstatistik und Studierendenzahlen

Um seine These gegen den Fachkräftemangel zu belegen, beruft sich der Arbeitsmarktexperte zum einen auf die Entwicklung der Löhne für Fachkräfte: Die amtliche Erhebung der Arbeitnehmerverdienste zeige, dass Fachkräfte bei der Lohnentwicklung nicht besser abgeschnitten hätten als die übrigen Arbeitnehmer. „Bei den Investitionsgüterherstellern mussten im zweiten Quartal dieses Jahres die Arbeitnehmer in Leitungsfunktionen und die Fachkräfte in herausgehobenen Positionen sogar Reallohneinbußen hinnehmen", so Brenke. Bei Knappheit müsse es hingegen eine überdurchschnittliche Gehaltssteigerung geben.

Zudem stützt Brenke seine Argumentation auf die Arbeitsmarktstatistik: Nach dem Ausbruch der Krise habe die Arbeitslosigkeit in allen hier in Betracht genommenen Fachkräfteberufen kräftig angezogen. „Inzwischen hat sich die Arbeitslosigkeit zwar verringert, bewegt sich aber in nahezu allen Berufen noch deutlich über dem Vorkrisenniveau.“ Spiegelbildlich dazu verlaufe die Entwicklung bei den offenen Stellen. „Bei fast allen Fachkräften ist die Zahl der Arbeitslosen höher als die Zahl der offenen Stellen.

Auch in punkto Ingenieure ist laut Brenke kein Fachkräftemangel in Sicht. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Ingenieure sei zwar in den vergangenen Jahren gewachsen. Der Anstieg sei aber nicht viel höher als bei allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Die Zahl der Ingenieursstudenten sei seit 2007 sprunghaft gestiegen. Nach Schätzung des Experten ergebe sich durch die Ingenieure, die in Ruhestand gehen, jährlich ein Ersatzbedarf von 9.000 Beschäftigten. Dem stünden im Wintersemester 2009/2010 23.000 erfolgreiche Studienabschlüsse gegenüber. Demnach hätte es einen Beschäftigtenaufbau geben müssen, für den es aber keine Anzeichen gebe.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Der Studienautor räumt jedoch ein, dass in Gesundheitsberufen tatsächlich eine ausgeprägte Knappheit an Arbeitskräften bestehe. Aus dem Rahmen falle zudem eine kleine Gruppe von Elektroinstallateuren. Auch einen regionalen Mangel an Fachkräften schließt Brenke nicht aus. „So könnten in besonders wachstumsstarken Gebieten, aber auch in großen Teilen Ostdeutschlands, wo die Einwohnerzahl besonders schrumpft, erhebliche Engpässe entstehen.“

Angesichts der demografischen Entwicklung nehme die Nachfrage nach Lehrstellen weiter ab. Deshalb komme es darauf an, Ausbildungsplätze zu schaffen, für die in Zukunft ein erheblicher Bedarf besteht und gleichzeitig das Interesse der nachwachsenden Generation etwa für MINT-Berufe zu stärken. Da weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten werden, könne es außerdem sein, dass die vermehrte Erwerbstätigkeit von Frauen und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht mehr ausreiche, um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken. „Mit einem sehr raschen Rückgang des Erwerbspersonenpotentials ist aber in den nächsten Jahren nicht zu rechnen“, urteilt Brenke dennoch.

Berechtige Zweifel am Fachkräftemangel?

Auf Kritik stieß die DIW-Studie nicht nur wegen des zweifelhaften Verhaltens von Präsident Klaus Zimmermann. Arbeitsmarktexperten distanzierten sich von den Aussagen Brenkes. Laut Süddeutscher Zeitung sagte etwa Anja Kettner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dass es bei Ingenieuren, aber auch in den Gesundheits- und Pflegeberufen sowie bei Erziehern bereits heute zu wenig Fachkräfte gebe und der Bedarf weiter steigen werde. Auch könne die Lohnentwicklung etwa von Erziehern und Altenpflegern kein Anhaltspunkt sein, ob es einen Fachkräftemangel gebe oder nicht.

Auch Stefan Pfisterer, Arbeitsmarktexperte des Bitkom, hält es für zu kurz gegriffen, den Mangel an Fachkräften an der Lohnentwicklung festzumachen. "Lohnsteigerungen nur in Deutschland sind kaum durchzusetzen, sonst wird die Arbeit verlagert", so Pfisterer. Vor zwei Jahren gab es einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom zufolge 45.000 offene Stellen für IT-Experten. Im Zuge der Wirtschaftskrise ist laut Bitkom diese Zahl deutlich gesunken, doch der aktuelle Aufschwung belebt den Arbeitsmarkt für Computerfachleute wieder: Derzeit werden etwa 28.000 Fachkräfte gesucht, was Vollbeschäftigung entspreche.

Verständlicherweise wies auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) die Aussagen Brenkes zurück, jedoch ohne neue Argumente zu nennen. Letztendlich bleibt so neben der „Forscherposse“, wie der Spiegel titelte, die Frage nach den Konsequenzen aus dieser Debatte. Beobachtern drängt sich die Vermutung auf, dass die Unternehmen auf hohem Niveau jammern. Oder wie es Prof. Dr. Martin Kersting in der Provokation des Monats der Zeitschrift PERSONAL formuliert: „Überall fehlen Fach- und Führungskräfte, es herrscht Personalmangel. Oder herrschen Personalabteilungen, die das Rekrutierungs- und Auswahlgeschäft nur mangelhaft beherrschen?“ Fast alle Organisationen hielten Ausschau nach dem gleichen Bewerbertypus, dem ominösen High Potential – eine Haltung, die es zu überdenken gelte.

Im Hinblick darauf gibt die Studie von Karl Brenke vielleicht neue Impulse. Denn auch Klaus Zimmermanns Argumentation leuchtet ein: „Es wäre eine fatal falsche Strategie, darauf zu setzen, strategische Korrekturen erst dann vorzunehmen, wenn Fachkräfte akut fehlen.“

Der gesamte Wochenbericht des DIW steht unter www.diw.de zum kostenlosen Download bereit.