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Foto von Carlos Muza
Wie aus diesen Fragestellungen unschwer zu erkennen ist, war mein erster Zugang zu diesem Buch ein sehr kritischer – kein sehr guter Ausgangspunkt für eine Rezension. Müssen wir uns in diesem Buch mit indifferentem „psychologischen Kram“ herumschlagen? Bereits der Statistikteil am Anfang macht klar, dass die Themenstellung sehr wohl für Unternehmen von hoher Relevanz ist: Aus dem durch psychosoziale Krisen verursachten Schaden (Kosten der Fehlzeiten) geht deutlich hervor, dass diese Art von Krisenmanagement kein sozialromantischer Prozess, sondern ein Gebot betrieblicher Ökonomie ist!

Zwei Stunden später und am Ende des Buches angekommen muss ich klar sagen, dass man sich an die „psychologische“ Diktion rasch gewöhnt und auch als psychologischer Laie in jeder Phase den Gedankengängen des Autorenteams folgen kann. Das Buch spannt einen weiten Bogen möglicher Krisensituationen – von Stress und Burnout über Suchtmittelabhängigkeit, Mobbing und sexuelle Belästigung bis hin zu Überfällen, Umgang mit schwer oder chronisch kranken Mitarbeitern sowie Tod.

Zwei ganz wichtige Themen, mit denen wir heute immer öfter konfrontiert werden, fehlen allerdings: Die Essstörungen Anorexie und Bulimie. Das ist schade, denn die Thematiken sind allesamt ausgesprochen prägnant beschrieben, sodass der Leser einen wirklich guten Einstieg in diese Materien erhält. Die Handlungsanweisungen an Führungskräfte sind manchmal sehr allgemein gehalten und in vielen Krisensituationen ähnlich – das, glaube ich, liegt in der Natur der Sache –, stellen aber überwiegend einen wirklich guten Maßnahmenkatalog dar! Insofern ist das Buch ausgesprochen praxisorientiert, was der abschließende Überblick über die möglichen externen medizinischen und psychosozialen Unterstützungssysteme nochmals bestätigt. Mit Hilfe des Buches kann ein Personalmanager ohne weiteres einen kurzen Leitfaden zusammenstellen, der beschreibt, wie sich Führungskräfte in psychosozialen Krisensituationen verhalten sollen.

Abschließend der rote Faden, der sich durch das gesamte Buch zieht: Regelmäßiges Feedback, Mitarbeitergespräche und realistische und erreichbare Zielsetzungen können psychosoziale Krisen verhindern. Ein stetiges Beobachten des Verhaltens der Mitarbeiter auf Veränderungen ermöglicht darüber hinaus eine frühzeitige und damit Erfolg versprechende Intervention. Letztlich stellt genau das die Herausforderungen an HR in Unternehmen dar: Ein solches verantwortliches Führungsverhalten auf allen Führungsebenen sicherzustellen. Die konkrete Intervention im Krisenfall bleibt meiner Ansicht nach sowieso immer den medizinischen oder psychologischen Fachkräften vorbehalten.




Psychosoziale Krisen in Unternehmen.
Praxishandbuch für Führungskräfte.

Hrsg. von Sonja Prager und Nora Hlous.
facultas Verlag 2006.
168 Seiten, 19,90 Euro.
ISBN 3-85076-757-4
www.facultas.at

Leseprobe
Jeder Mensch ist im Lauf seines Lebens mit krisenhaften Ereignissen konfrontiert. Es gibt kritische Situationen, auf die wir Einfluss nehmen können, während andere sich unserem Einflussbereich entziehen. Man kann verschiedene Arten von Krisen unterscheiden:
  • Entwicklungs- oder Veränderungskrisen: Die Ursache liegt in der natürlichen Entwicklung begründet (z.B. Pubertät). Jeder ist davon betroffen, die Bewältigung ist individuell. (Caplan 1964).
  • Soziale Krisen: Situationen, in denen eine Gruppe von Personen nicht mehr in der Lage ist, gemeinsame Probleme zu lösen (z.B. wirtschaftlich schlechte Zeiten, die eine hohe Arbeitslosigkeit bedingen).
  • Traumatische Krisen: Tod, drohender Tod, Lebensgefährdung, schwere Verletzung/Erkrankung naher Bezugspersonen bzw. das Miterleben von Tod, drohendem Tod oder schwerer Verletzung/ Erkrankung anderer Personen, eigene schwere Verletzung/Erkrankung. (Cullberg 1978).
Belastungen, die zu Krisen führen können Auslöser von Krisen sind vielfältig, und auch die damit einhergehenden Belastungen sind unterschiedlich. So gibt es z.B. Belastungen, die Individuen (auf unterschiedlichen Ebenen) betreffen, und andererseits Belastungen, denen ganze Gruppen und Gesellschaften ausgesetzt sind.
  • Katastrophenbelastungen: Verfolgungen, Kriege, Naturgewalten
  • Körperliche Belastungen: chronische Erkrankungen, Klimakterium etc.
  • Psychische Belastungen: seelische Konflikte
  • Soziale Belastungen: Scheidung, längere Arbeitslosigkeit etc.

Quelle: personal manager 4/2006