Führen aus der Mitte heraus: Was wir von Alpha-Wölfen lernen können

Es hat sich viel verändert in Sachen „Führung“: Von den strengen Fabrikherrn und Patriarchen des 19. Jahrhunderts über das Harzburger Modell mit kooperativem Führungsstil bis zu Management-Konzepten wie MbO – Führen mit Zielen nach Peter Drucker. An Konzepten und Modellen mangelt es nicht. So haben Wolfsforscher herausgefunden, dass ein frei lebender Alpha-Wolf sein Rudel aus der Mitte heraus führt, fürsorglich und kooperativ.
Die Wolfsforscher Günther Bloch und Peter Dettling (Auge in Auge mit dem Wolf, Stuttgart 2009) waren in einem Zeitraum von zwanzig Jahren im Bauff - Nationalpark, in den kanadischen Rocky Mountains unterwegs und haben Timber-Wölfe bobachtet. Die Wölfe leben in Rudel von sechs bis acht Tieren. Eine klare Hierarchie (Alpha-Wölfe, Alpha-Weibchen, Beta-Wölfe) wie man früher annahm konnten die Forscher nicht feststellen: Dominante Wölfe fressen nicht immer als erste an der erlegten Beute. Sie überließen jüngeren und untergeordneten Mitgliedern des Rudels den Vortritt.

Sozialverhalten

Die Wölfe zeigen Gefühle wie Freude, Kummer, Leid, Trauer, aber auch uneigennützliches Verhalten. Verletzte Tiere werden niemals im Stich gelassen, sondern von ihren Familienmitgliedern unterstützt, auch bei der Nahrungsbeschaffung. Jungwölfe (1 Jahr alt) übernehmen verschiedene Arbeiten im Rudel, wie zum Beispiel die des Aufpassers. Sie melden jede Störung der alltäglichen Routine, etwa wenn sie Kojoten oder Bären sichten. Die Welpen suchen dann sofort Schutz im Bau. Alphatiere bestehen nicht zwangsläufig auf Distanz zu rangniederen Tieren.
Diejenigen Wölfe, die viel miteinander spielen, haben mehr Körperkontakt, unabhängig von Rang und Geschlecht.

Es gibt kein genormtes Sozialverhalten bei Wölfen. Frei lebende Wölfe bilden individualistische Familienverbände. Das sind anpassungsfähige Zweckgemeinschaften und ökonomisch betrachtet für jedes Mitglied von Nutzen.

Der Alpha-Wolf als Teamchef  

Bei Alpha-Tieren handelt es sich um um erfahrene Teamchefs. Sie geben sozialen Halt, sorgen für Sicherheit und erteilen ihren Jungen bis zur Selbständigkeit praktischen Lebensunterricht. Alt und jung verhalten sich kooperativ, zeigen Gemeinsinn und pflegen freundliche Rituale. Der Leitwolf zeigt ein Führungsverhalten, das auf die Menschenführung in Unternehmen übertragbar ist. Die Wolfsfamilie ist das Team. Wenn eine Wolfsfamilie ein Elternteil verliert, wandern die zurückgebliebenen Mitglieder ratlos umher, bis die vakante Alphaposition durch einen gestandenen Neuankömmling wieder besetzt werden kann.

Die Forscher haben herausgefunden, dass Fairness das Verhalten der Wölfe bestimmt. Die Welpen lernen Fairness beim Spielen, denn sie hilft den Tieren, in ihrer sozialen Umgebung zu überleben. Spielende Welpen verhalten sich ungestüm und respektlos gegenüber den Alten und den Rudelführern. Man lässt sie gewähren, auch wenn sie sich auf Kosten der Alten vergnügen oder sie körperlich traktieren. Die Alten könnten sie zur Ordnung rufen, tun das aber nicht. Kinder beißt man nicht.

Die soziale Kompetenz von Wolfseltern beruht auf Wissen, Erfahrung und Verzicht auf die Rechte des Ranghöheren. Es geht letztlich nur um das Überleben und die Fortpflanzung der eigenen Gene. Um dies zu erreichen, muss sich der Wolf mit seinen Rudelmitgliedern arrangieren. Wölfe verhalten sich kooperativ.

Kommunikative Verhaltensweisen äußern sich im Schnappen, Beißen, Gesicht lecken, Körper gegen den Partner drängen. Die häufigsten sozialen  Verhaltensweisen sind Schnauzen- und Fellkontakt. Es kommt zu einem Informationsaustausch über den Geruch, durch Schnuppern. Die meisten Kontakte hatten die „ranghohen“ Erwachsenen und die Welpen. Die gegenseitige Berührung dient dem Zusammenhalt des Rudels.

Ein Alpha-Wolf führt sein Rudel als anerkannte Autorität. Er besitzt eine hohe soziale Kompetenz und führt sein Rudel aus der Mitte heraus. Er ist souverän und verhält sich zu seinem Rudel tolerant, beschützt es und sorgt dafür, dass es allen gut geht.
„Gehorsam“ spielt dabei keine Rolle. Die Rudelmitglieder folgen ihm freiwillig.

(Mehr über Führung heute und Kommunikation in meinem Buch Praxisbuch Personalmanagement in der Pflege, das 2010 erschienen ist. Inhaltsverzeichnis und Leseprobe unter http://www.list-unternehmensberatung.de/Buecher.htm)