Scheitern

Seit der Welt-Finanzkrise wird auch über das „Scheitern“ geredet. Liegt es am System oder an den Akteuren, die das große Rad gedreht haben? Richard Fuld, der Chef von Lehman Brothers, Hank Greenberg vom Versicherungsunternehmen AIG oder Georg Funke, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der deutschen Hypo Real Estate, haben großen Schaden angerichtet. Sie sind gescheitert.

Scheitern – ein Tabu in der Leistungsgesellschaft?

Erfolg und Misserfolg

Wer über das Scheitern spricht, muss auch über den Erfolg reden. Das eine gäbe es nicht ohne das andere. Was ist Erfolg? Glück, Karriere, Geld, Macht, Einfluss? Erfolg kann ein Lernerfolg (gutes Prüfungsergebnis) sein, für einen Außendienstmitarbeiter ist der Verkaufserfolg wichtig, für einen Unternehmer der wirtschaftliche Erfolg, für die Bundestagsfraktion ist es der Abstimmungserfolg bei einer wichtigen politischen Frage, bei der Kriminalpolizei zählen Ermittlungserfolge und für einen Psychoanalytiker ist es der Therapieerfolg. Für jeden einzelnen ist Erfolg das, was er dafür hält.

Was zählt, ist der berufliche Erfolg. In der Wissensgesellschaft von heute, schreibt Peter Drucker, werde von jedem erwartet, dass er Erfolg hat.

Jeder will dabei sein, wenn „Erfolg“ verteilt wird. Jeder Inspektor will Oberinspektor werden, jeder Sachbearbeiter Abteilungsleiter, jeder Koch Chefkoch und jede Klofrau am Bahnhof.....

Der Erfolg ist eine Chimäre. Viele haben den Ehrgeiz, nach oben zu kommen. Sie trainieren den Erfolg. Sie lernen, wie sie sich im Wettbewerb durchsetzen, sich von ihrer besten Seite zeigen, ständig lächeln, positiv denken und immer gut drauf sind.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Seit Pandora die Büchse geöffnet hat, haben wir alle Hände voll zu tun, um mit den Übeln dieser Welt fertig zu werden. Die alten Griechen waren nicht bescheiden. Sie waren zwar Individualisten, aber nicht dem Wahn verfallen, sich für die Besten und Größten zu halten. Sie hatten keine Leitbilder, wie man sie heute im Fernsehen sieht: Schauspieler als Kriminalkommissare, Talkmaster, Fußballstars, Formel 1-Rennfahrer oder Entertainer. Die Griechen glaubten an die Vernunft.

Eigentlich sind wir doch alle Verlierer, auch wenn unsere Fehlerserie gelegentlich durch Erfolg unterbrochen wird. Das gilt auch für „bedeutende“ Menschen. „Ich habe Einfluss, Macht und viel Geld“, sagt ein Wirtschaftsboss, „aber als Ehemann und Vater bin ich ein Versager“. Der Erfolg eines Mannes, so der amerikanische Essayist Ralph Waldo Emerson, setzt sich aus Fehlschlägen zusammen, „denn er erprobt und wagt sich täglich, und je öfter es ihn niederwirft, desto entschlossener geht er vorwärts.“


Angst


Die Angst vor dem Scheitern sitzt tief. Die Schule sorgt bei vielen für den ersten großen Misserfolg. Schlechte Noten und Sitzen bleiben sind für viele der Schock ihres Lebens, von dem sie sich nicht mehr erholen. Das Scheitern lernten sie nicht, meint Martin Walser (SPIEGEL 22/02), obwohl sie im Verlieren wichtigere Erfahrungen machen könnten als beim Gewinnen. Der Erfolgsdruck wächst mit derselben Stärke wie die Angst vor dem Versagen. Flexibilität erzeuge Angst, schreibt Richard Sennet in seinem Buch „Der flexible Mensch“. Er fordert dazu auf, das Tabu des Scheiterns zu brechen und plädiert für ein „Scheitern ohne Scham und Schuldgefühl.“

Die meisten „erfolgreichen“ Menschen haben wahrscheinlich mehr Fehlschläge hinter sich als andere, weil sie mehr ausprobiert haben. Schon die Stoiker im alten Griechenland haben das Scheitern als sinnvoll akzeptiert.

Existenzgründer, die mit ihrer Geschäftsidee scheitern, gelten hierzulande – im Gegensatz zum Mutterland des Kapitalismus – als Versager. Die Mutigen unter ihnen sehen das Scheitern als Chance für einen Neuanfang, wie in den USA. Nur die Banken sehen das anders.

Bleibt die Frage: Kann man „scheitern“ lernen? Schelme, Narren und Clowns sind geborene Verlierer. Friedrich Hölderlins Held Hyperion fügt sich nicht seinem Schicksal. Er will den Erfolg im Scheitern, das Gelingen in der totalen Niederlage. Nicht nur Hochstapler wie Gert Postel scheitern, auch Manager, Politiker und Behördenchefs. Vom Scheitern als Liebhaber, Ehemann oder Vater soll hier nicht die Rede sein.


Geistige Übungen und Selbstgespräch


Die alten Griechen waren davon überzeugt, dass man durch „geistige Übungen“ zu einer neuen Sicht der Dinge kommen und sich selbst verändern könne mit dem Ziel, innere Freiheit und Unabhängigkeit zu erlangen. Ein wichtiges Instrument, um dieses Ziel zu erreichen, sei das Selbstgespräch. Das geht auch heute noch, das Zwiegespräch mit uns selbst. Die Angst zu versagen, Fehler zu machen und zu scheitern kann durch das Selbstgespräch überwunden werden.

Das Selbstgespräch ist ein gutes Mittel, seine Angst zu beschreiben und sich Mut zu machen, Hoffnung zu schöpfen und seine Absichten zu formulieren. Der ehemalige Vorsitzende der Jungsozialisten, Gerhard Schröder, ist ein gutes Beispiel. Er rüttelte bekanntlich als junger Mann am Zaun des Bundeskanzleramts und sagte zu sich selbst: Ich will da rein! Wir wissen, dass es geholfen hat. „Errare humanum est“: Irren ist menschlich. Bei Cicero heißt es: Jeder Mensch kann irren, nur der Tor wird im Irrtum verharren.

[url:http://www.karlheinzlist-autor.de|[1]]


Literatur:

- Pierre Hadot: Philosophie als Lebensform, Berlin 1991

- Karl-Heinz List: Praxisbuch Personalmanagement in der Pflege, Berlin 2010

- Fritz Riemann: Grundformen der Angst, München 1978

- Wolf Schneider: Große Verlierer, Reinbek 2004

- Stone / Patton / Heen: Offen gesagt!, München 2000



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