Anonyme Bewerbung
Um Diskriminierungen von Bewerbern aufgrund von Alter, Herkunft oder Geschlecht zu vermeiden, läuft derzeit ein Pilotprojekt zur anonymen Bewerbung. Dabei sollen die Kandidaten in ihren Unterlagen auf Angaben zu ihrem Namen, Adresse, Geburtsdatum oder Alter, Familienstand, Herkunft und ein Foto verzichten.
In Ländern wie den USA ist die anonyme [wiki:Bewerbung] bereits üblich, in Ländern wie Frankreich testen bereits viele Unternehmen die praktische Umsetzung. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) hat im Herbst 2010 auch in Deutschland eine Initiative ins Leben gerufen, bei der Unternehmen und Organisationen das Verfahren ausprobieren. Denn Studien belegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund, Ältere und Frauen häufig diskriminiert werden. Die anonyme Bewerbung soll eine Auswahl der Kandidaten rein nach ihren Qualifikationen erleichtern.
Bei dem deutschlandweiten Modellprojekt, das bis März 2012 läuft, sammeln die Deutsche Post, Deutsche Telekom, L'Oréal, die Maydays GmbH sowie Procter & Gamble erste Erfahrungen mit der anonymen Bewerbung. Als Tester kommen außerdem das Bundesfamilienministerium, die Stadt Celle und die Arbeitsagentur Nordrhein-Westfalen hinzu.
Vorteile der anonymen Bewerbung
Außer dem Namen, Adresse, Geburtsdatum oder Alter, Familienstand, Herkunft und einem Foto können Arbeitgeber bei der anonymen Bewerbung alle sonst üblichen Informationen wie Ausbildung, berufliche Stationen oder Weiterbildungen abfragen. Bewusste oder unbewusste [wiki:Diskriminierung] soll so zumindest in der Vorauswahl ausgeschlossen werden. Die Anonymität endet erst mit der Einladung zum [wiki:Vorstellungsgespräch].
Die Tester können zwischen vier verschiedenen Varianten der Anonymisierung wählen: dem Blindschalten sensibler Daten durch ein Online-System, der Übertragung der Qualifikationen in eine Tabelle, dem Schwärzen per Hand oder einem standardisierten Online-Bewerbungsverfahren.
Die Befürworter führen vor allem folgendes Argument ins Feld: Die anonyme Bewerbung helfe dabei, gewollt oder ungewollte Diskriminierung zu vermeiden und so dringend benötigte Fachkräftepools wie Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen oder ältere Menschen besser auszuschöpfen. Es bestehe keine Gefahr mehr, sich von Fotos oder Namen ablenken zu lassen.
Nachteile der anonymen Bewerbung
Die Vorbehalte dem neuen Modell gegenüber sind bislang noch groß. Die Kritiker, die vorwiegend aus den Reihen der Unternehmen kommen, melden folgende Bedenken an:
- Es entstehe zusätzlich, überflüssige Bürokratie in den Unternehmen, da die Bewerbungsunterlagen aufgeteilt werden müssten: Die Angaben zur Qualifizierung der betreffenden Person erhält der Personalentscheider, andere Informationen müssten etwa im Sekretariat verbleiben.
- Persönliche Informationen seien wichtig für die Entscheider. Sie würden sich diese deshalb möglicherweise auf anderem Weg holen – etwas durch Kurzinterviews
- Name, Alter und Herkunft könnten die Recruiter sowieso leicht aus der beruflichen Laufbahn, den privaten Aktivitäten oder den Zeugnissen herauslesen
- Es sei nicht geklärt, was mit Bewerbern passiert, die sich nicht an die anonyme Bewerbung halten
- für viele Jobs seien Alter, Namen und Geschlecht aus geschäftlichen Gründen relevant
Viele Unternehmen empfinden den Vorstoß der Antidiskriminierungsstelle des Bundes als Bevormundung. Sie sind der Meinung, dass sie die Mitarbeiter besser einschätzen können, wenn ihnen niemand den richtigen Bewerbungsweg vorschreibt. Gleichwohl zeigt die Praxis, dass etwa der Anteil von Frauen in Führungspositionen derzeit nur sehr langsam zunimmt.